Niedersächsisches Ministerium für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung

Zunehmende Verbreitung von Miss­brauchs­abbil­dungen unter Kindern und Jugendlichen

8. November 2019

Das Bundeskriminalamt hat am 28. Oktober 2019 auf die stark zunehmende Verbreitung von Missbrauchsabbildungen, sogenannter Kinderpornografie, durch Kinder und Jugendliche hingewiesen. Die Zahlen seien alarmierend. Kinder und Jugendliche würden die Bilder und Filme vor allem über soziale Medien versenden. Dabei würden die Inhalte häufig bagatellisiert und zum Teil mit als lustig empfundenen Texten, Emojis oder Tönen hinterlegt.

Der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte (UBSKM), Johannes-Wilhelm Rörig, weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass vielen Kindern und Jugendlichen, die Missbrauchsabbildungen über soziale Netzwerke verbreiten, womöglich nicht ausreichend bewusst sei, dass hinter den Fotos oder Videos der reale Missbrauch eines Kindes stehe: "Die Bandbreite sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche hat im Internet enorme Ausmaße angenommen. Dass hier in verstärktem Maße auch Kinder und Jugendliche aktiv werden, zeugt von mangelnder Reflektionsfähigkeit der Minderjährigen und macht deutlich, dass ein verantwortungsbewusster Umgang mit digitalen Medien offensichtlich nur ungenügend vermittelt wird."

Um die Chancen digitaler Medien bestmöglich nutzen zu können und auch die Besonderheiten und Risiken digitaler Kommunikation zu kennen, brauche es laut Rörig die Vermittlung einer neuen Kulturtechnik: "Wir müssen Kindern und Jugendlichen, neben dem Wissen, wie sie Medien nutzen und gestalten können, auch die Möglichkeit geben zu verstehen, dass digitale Kommunikation eigene Risiken birgt. Zum Beispiel, dass versendetes Bildmaterial in kürzester Zeit unendlich weit verbreitet werden kann, eine Löschung von allen Endgeräten kaum möglich ist und Menschen durch das Vorhandensein von sexualisiertem Bildmaterial unter Umständen ein Leben lang belastet werden. Wertevermittlung und Gewaltprävention müssen bei der Medienbildung eine entscheidende Rolle spielen."

Eltern sowie Pädagoginnen und Pädagogen müssen Kinder auf dem Weg in die digitale Welt begleiten und ihre Medienkompetenz von Anfang an stärken
Rörig fordert, dass Kinder frühestmöglich digitale Kompetenzen erwerben und diese dauerhaft und altersgemäß vertiefen müssten. Hierbei sieht er Eltern und Bildungseinrichtungen gleichermaßen in der Pflicht: "Kinder und Jugendliche dürfen in der digitalen Welt nicht einfach allein gelassen werden. Das Wichtigste ist, dass Eltern mit ihren Kindern offen über Risiken des Netzes reden. Eltern müssen sich dafür interessieren, was ihre Kinder im Internet tun. Das gilt mit Blick sowohl auf mögliche sexuelle Gewalterfahrungen, die ihnen drohen, als auch auf mögliche Grenzverletzungen und Übergriffe, die sie selbst – aus Unwissenheit oder mangelnder Reflektion – begehen."

"Medienkompetenz" sollte an allen Schulen verpflichtend unterrichtet werden
Rörig plädiert zudem für eine Vermittlung von Medienkompetenz als weitere Kulturtechnik in Schulen: "Was wir brauchen, ist beides: eine vernünftige Einführung in die Chancen und Möglichkeiten digitaler Medien – und zugleich eine altersgerechte und wiederholte Aufklärung über die Risiken und zwar jenseits von Katastrophenszenarios. Bundesweit sollte entweder ein intelligentes neues Schulfach "Medienkompetenz" von der ersten bis zur zehnten Klasse eingeführt oder querschnittlich in allen relevanten Fächern vermittelt werden, dass grundlegende Werte wie Menschlichkeit und Respekt auch in der digitalen Welt gelten."

Um eine kompetente Medienerziehung gewährleisten zu können, bräuchten Schulen aber die notwendigen finanziellen und personellen Ressourcen. Rörig fordert deshalb, einen Teil der Mittel, die jetzt im Rahmen des Digitalpaktes zur Verfügung gestellt werden, dafür zu nutzen, Pädagoginnen und Pädagogen im Sinne des Schutzauftrages von Schule zu den Risiken sexueller Gewalt in den digitalen Medien fortzubilden und ihnen entsprechende Informationsmaterialien zur Verfügung zu stellen. Handlungssicherheit können alle schulischen Akteure auch durch ein schulisches Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt gewinnen. Diese sollten verpflichtend und mit der notwendigen Unterstützung in den Ländern eingeführt werden. Rörig verweist in diesem Zusammenhang auf das Fachportal www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de sowie auf das Portal www.wissen-hilft-schützen.de, auf dem Fachkräfte Materialien aus Medienpädagogik und Gewaltprävention zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor sexueller Gewalt mittels digitaler Medien finden.

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Beratung und Unterstützung bei sexueller Gewalt finden Betroffene, Angehörige, Fachkräfte und alle Menschen, die sich Sorgen um ein Kind machen, beim Hilfetelefon Sexueller Missbrauch, Tel. 0800 22 55 530 (kostenfrei und anonym) und auf dem Hilfeportal www.hilfeportal-misssbrauch.de mit einer umfangreichen Datenbank zu Hilfeangeboten vor Ort.

Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, 28.10.2019

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