Kollegiale Beratung

Gerade im Hinblick auf die von Vernachlässigung bedrohten Kinder ist eine Praxis von Bedeutung, die sich mit dem Stichwort "kollegiale Beratung" umschreiben lässt. Entscheidungen von einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus der Jugendhilfe, z. B. darüber, ob sozialpädagogische Familienhilfe oder Tagespflege angezeigt ist, haben sich zumeist nicht als sinnvolle Praxis erwiesen. Ebenso wenig leisten gelegentliche "Tür-und Angel-Gespräche" mit Kollegen oder die häufig praktizierte Vorgehensweise der Verschiebung von Problementscheidungen hin zu anderen Personen oder Organisationen einen qualifizierten Beitrag zu einer angemessen Problem- und Situationsbewältigung. Aus diesen Gründen schreibt § 8a SGB VIII Abs. 1 nunmehr das Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte zwingend vor.

Die kollegiale Beratung ist eine anspruchsvolle Arbeitsform, die sich deutlich von der Methodik her von kollegialem Plausch oder Tür-und-Angel-Gesprächen unterscheidet. Gefordert ist hier ein Miteinander aller Helferinnen und Helfer, das für komplexe Ansätze ("sowohl ... als auch") offen ist, anstatt in Dualitäten ("entweder ... oder") stecken zu bleiben. Beratungen und Entscheidungen, Kollegialität und Fachlichkeit, Hilfe und Kontrolle sind Pole in einem Spannungsfeld, in dem sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus allen Bereichen der Sozialen Arbeit bewegen. Gerade in Bezug auf die Kinder, die am Rande einer Vernachlässigung stehen, stellt sich für die zuständigen Kräfte der Sozialen Arbeit die Frage, wie und wann sie handeln müssen und können. Bei der Beantwortung brauchen sie kritische Begleiter und qualifizierte Kollegen und Kolleginnen.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind für ihren "Fall" verantwortlich und müssen die Qualität der Hilfen und Entscheidungen sichern. Dazu brauchen sie Kolleginnen und Kollegen, die ihre Sichtweisen, Interpretationen und Ideen hinsichtlich eines Falles einbringen und helfen, die eigene Wahrnehmung und Einschätzung zu reflektieren. Darüber hinaus sollten sie die sozialpädagogischen Standards einer qualifizierten Jugend- und Familienhilfe im Blick haben.

Kollegiale Beratung als wirksame Reflexionsmethode verlangt folgende Rahmenbedingungen:

  • Verbindlichkeit von Ort und Zeit,
  • die Verbindung von Prozess und Entscheidung durch Festlegung von Arbeitsphasen,
  • das andauernde Bemühen aller Beteiligten um die Gestaltung vertrauensvoller Zusammenarbeit.

Komplexe Fälle verlangen Teamarbeit und fallweise das Hinzuziehen externer Beraterinnen und Berater, z. B. einer insoweit erfahrenen Fachkraft bzw. Kinderschutzfachkraft. Da Entscheidungen über Hilfen sich nicht nach objektiven, "diagnostisch" klaren Kriterien herbeiführen lassen und die Entscheidung einer Einzelperson mit ihrem beschränkten Wahrnehmungs- und Urteilsvermögen allzu große Risiken birgt, ist eine Rückversicherung über das eigene Fallverstehen und über die eigene innere Haltung zum Fall zwingender Bestandteil einer guten Hilfe. Natürlich ersetzt eine solche Form der Zusammenarbeit nicht die Supervision oder die Fortbildung.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen