EKD-Synode diskutiert Aufarbeitung sexualisierter Gewalt: 11-Punkte-Plan und Studien zu sexuellem Missbrauch

15. November 2018

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will ihre Maßnahmen zur Aufarbeitung von sexualisierter Gewalt deutlich ausweiten. Dazu haben Rat und Kirchenkonferenz der EKD im zweiten Halbjahr 2018 gemeinsam ein umfangreiches Maßnahmenpaket entwickelt. Bei der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) am 13. November hat Bischöfin Kirsten Fehrs einen 11-Punkte-Handlungsplan vorgestellt, der u. a. neue Studien sowie eine unabhängige zentrale Ansprechstelle umfasst. Auch die Diakonie Deutschland hat eine eigene Studie zu sexuellem Missbrauch angekündigt.

11-Punkte-Plan, Aufarbeitungsstudien und unabhänige zentrale Anlaufstelle für Betroffene
EKD_Evangelische-Kirche-in-Deutschland_LogoBischöfin Fehrs unterstrich, dass bereits seit 2010 Kirche und Diakonie Maßnahmen der Prävention, Intervention und Hilfe ergriffen haben. Dies mit dem Ziel, "sich mit dem Leid der Betroffenen auseinanderzusetzen und Verantwortung für die Verfehlung der Institution zu übernehmen." Deutlich ausgebaut werden sollen nach Angaben von Fehrs die Maßnahmen zur systematischen Aufarbeitung von Fällen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche. Für die Umsetzung des 11-Punkte-Plans stellt die EKD 2019 rund 1 Million Euro bereit. Fehrs: "Sieht man exemplarisch auf die Aufarbeitung in der Nordkirche, ist zu sagen: Die evangelische Kirche hat systemisch gesehen ganz spezifische Risikofaktoren, die noch deutlicher als bisher zu analysieren sind, um sie anzugehen." So werden die landeskirchlichen Aufarbeitungsprozesse um zwei überregionale Studienvorhaben ergänzt. Die EKD hat darüber hinaus einen fünfköpfigen Beauftragtenrat gebildet. Hamburgs Bischöfin Kirsten Fehrs ist Sprecherin des neuen Gremiums. Als Konsequenz aus einem Hearing Mitte 2018 der Unabhängigen Aufarbeitungskommission des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs wird die EKD 2019 eine unabhängige zentrale Ansprechstelle für Betroffene einrichten.

Wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch in diakonischen Einrichtungen
Diakonie-Deutschland_LogoAuch die Diakonie Deutschland wird eine eigene wissenschaftliche Studie zu sexuellem Missbrauch in diakonischen Einrichtungen in Auftrag geben. Nötig sei eine eigenständige und unabhängige Aufarbeitung von Missbrauchsfällen, so Diakonie-Präsident Ulrich Lilie bei der EKD-Synode.

"Wir müssen bei den Menschen Vertrauen zurückgewinnen, die unseren Einrichtungen ihre Kinder und Angehörigen anvertrauen", so Lilie. Er unterstreicht die Notwendigkeit einer eigenen Studie für die Diakonie: "Die Situation eines Jugendlichen in einer sozialpädagogischen Betreuungseinrichtung ist eine ganz andere als die etwa im Konfirmationsunterricht, mit anderen Macht- und Abhängigkeitsfaktoren."

Seit 1950 sind im Raum der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Diakonie etwa 480 Fälle von sexuellem Missbrauch bekannt geworden. Die Diakonie Deutschland und die EKD mit ihren 20 Gliedkirchen engagieren sich gemeinsam für die Aufklärung.

Das aktuelle Diakonie-Bundesrahmenhandbuch "Schutzkonzepte vor sexualisierter Gewalt" stellt eine Vielzahl von Präventions- und Schutzmaßnahmen vor. Zahlreiche Vorkehrungen sind laut Lilie in den Verbänden und Einrichtungen schon getroffen worden. Dazu zählen das Vier-Augen-Prinzip bei der Betreuung, fachliche und organisatorische Standards, Supervision und unabhängige Ansprechpartner für Betroffene sowie Kinder- und Jugendparlamente.

Eine Vielzahl von Missbrauchsfällen der 50-er und 60-er Jahre ist bereits am Runden Tisch Heimerziehung in den Jahren 2009 und 2010 aufgearbeitet worden. Jetzt soll der Fokus besonders auf der Zeit seit Anfang der 70er Jahre liegen. Der Schwerpunkt der zu beauftragenden Untersuchung der Diakonie wird bei den besonders kritischen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe liegen und soll die Wirksamkeit der bereits getroffenen Schutzmaßnahmen evaluieren.

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Quellen: Evangelische Kirche in Deutschland, 13.11.2018 und Diakonie Deutschland, 13.11.2018

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