Prävention sexueller Gewalt

Therapie für noch nicht straffällig gewordene Pädophile

Zwei verschiedene Präventionsprojekte an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und am Asklepios Klinikum Göttingen richten sich an potenzielle, pädophil veranlagte Täter und Täterinnen: Eine kostenlose ambulante Therapie auf freiwilliger Basis soll helfen, ihre sexuelle Präferenzstörung zu kontrollieren.

"Kein Täter werden" - Dunkelfeld-Ambulanz in Hannover

Seit Anfang März 2012 können sich Personen, die ihre gestörte Sexualpräferenz als Problem erkennen, für eine Therapie an den Arbeitsbereich Klinische Psychologie und Sexualmedizin der MHH wenden. Das Therapieprogramm des Forschungsprojekts "Prävention von sexuellem Kindesmissbrauch im Dunkelfeld" wurde bereits erfolgreich an der Berliner Charité erprobt. Weitere Projekt-Standorte sind Kiel, Regensburg und Leipzig.

Auch in Hannover wird nun für Pädophile eine kostenlose Behandlung unter Schweigepflicht auf freiwilliger Basis angeboten. Sie richtet sich an Personen, die im sogenannten "Dunkelfeld" stehen (d.h. bisher nicht oder nicht mehr justizbekannt sind). Das Konzept integriert verhaltenstherapeutische und sexualmedizinische Ansätze und beinhaltet auch die Möglichkeit einer zusätzlichen medikamentösen Unterstützung.

Das Projekt wird vom Niedersächsischen Sozialministerium zunächst bis 2014 mit insgesamt 360.000 Euro finanziert.

Kontakt Hannover
Medizinische Hochschule Hannover
Zentrum für Seelische Gesundheit
Klinik für Psychiatrie, Sozialpsychiatrie und Psychotherapie
Projektbüro Dunkelfeld
T (0511) 532 80 52
dienstags und donnerstags 9 bis 11 Uhr
mittwochs 15 bis 17 Uhr
dunkelfeld.info@mh-hannover.de

Weitere Informationen zur Therapie im Flyer.

Weitere Informationen zum Präventions- und Forschungsprojekt Dunkelziffer unter www.kein-taeter-werden.de.

Göttinger Projekt "Prävention sexueller Missbrauch"

Bereits seit Juli 2011 können sich Personen mit pädosexuellen Interessen an ein ähnliches Modellprojekt des Asklepios Klinikum Göttingen und der Universität Göttingen wenden. Das kostenfreie und anonyme Angebot richtet sich an Männer und Frauen, die sich von Kindern sexuell angezogen fühlen, ihre Neigung aber nicht ausleben möchten. Ebenfalls angesprochen werden Nutzer und Nutzerinnen von Kinderpornographie. Behandelt werden sowohl Dunkelfeldtäter und potentielle Täter als auch Hellfeldtäter. Die Behandlung setzt die Therapiemotivation sowie keine Therapieauflagen im Kontext einschlägiger Verurteilungen voraus.

Der Therapieansatz ist kognitiv-verhaltenstherapeutisch ausgerichtet. Kombiniert werden Module aus konventionellen Straftäterprogrammen wie dem BPS und dem SOTP mit neueren Ansätzen wie dem Good Lives Modell und dem Rockwood Sex Offender Treatment Programme. Besonders wichtig ist dabei die individuell ausgerichtete, bedürfnis- und ressourcenorientierte Arbeit.

Auch dieses Projekt wird vom Land mit insgesamt 300.000 Euro für drei Jahre gefördert.

Kontakt Göttingen
Asklepios Fachklinikum Göttingen & Universitätsmedizin Göttingen
Ludwig-Meyer-Institut für forensische Psychiatrie und Psychotherapie
Prävention sexuellen Missbrauchs (PsM)
T (0551) 402 11 79
montags bis freitags 11 bis 19 Uhr
psm.goettingen@asklepios.com

Hintergrund

Epidemiologisch ist bekannt, dass in Deutschland etwa 16.000 sexuelle Übergriffe gegen Kinder angezeigt werden. Tatsächlich überführt und abgeurteilt werden jedoch nur rund 15 Prozent der angezeigten Fälle. Die Dunkelziffer an Übergriffen dürfte erheblich höher liegen. Allerdings werden nicht alle sexuellen Übergriffe von Pädophilen begangen, die Wahrscheinlichkeit dazu ist hier aber besonders hoch. Studien zur Folge sind rund 50 Prozent der für sexuellen Kindesmissbrauch verurteilten Täter pädophil.

Für die Gesamtzahl der Menschen mit pädophilen Neigungen gibt es lediglich Schätzungen. Ausgegangen wird von 1 Prozent der Bevölkerung, rund 250.000 Betroffenen in Deutschland. Dabei scheint der Anteil der Frauen nach bisherigem Kenntnisstand verschwindend gering zu sein. Nach dem gegenwärtigen Forschungsstand ist Pädophilie weder heilbar noch ist bekannt, welche Ursachen ihr zugrunde liegen. Derzeit untersucht ein multizentrisches Forschungsprojekt der MHH die neurobiologischen Grundlagen der Pädophilie (NeMUP-Nord).

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen