Kooperativer Kinderschutz

In den letzten Jahren gab es vermehrt Forderungen nach stärkerer Kooperation und Vernetzung in der Sozialen Arbeit. Der Hintergrund ist eine stärkere Ausdifferenzierung und Spezialisierung in den Arbeitsfeldern. Insbesondere bei komplexen Problemlagen haben die betroffenen Personen häufig mit mehreren Institutionen zu tun, die aufgrund ihrer Spezialisierung nur partiell mit ihnen arbeiten. Hierbei können lange Hilfekarrieren entstehen, bei denen die Adressatinnen und Adressaten mehrere Einrichtungen durchlaufen, ohne dass sich diese untereinander abstimmen. Um so einer Entwicklung entgegenzuwirken und die Effektivität von Hilfen zu steigern, sollten die Professionen zusammenarbeiten und ihre Angebote aufeinander abstimmen.

Grundlegende gesetzliche Regelungen zur Zusammenarbeit und Kooperation der Jugendhilfe reichen von der Beschreibung eines positiven Klimas (Zusammenarbeit der öffentlichen und freien Träger gemäß § 4 SGB VIII) über Vorschläge zur Gestaltung der Zusammenarbeit (Arbeitsgemeinschaften nach § 78 SGB VIII) bis hin zu normativen Vorgaben zur Beteiligung der Adressatinnen und Adressaten in der Hilfeplanung (Mitwirkung und Hilfeplan gemäß § 36 SGB VIII) und der Aufforderung zur Zusammenarbeit mit anderen Stellen und Einrichtungen (§ 81 SGB VIII). Die innerdisziplinäre und interdisziplinäre Zusammenarbeit im Kinderschutz und in den Frühen Hilfen hat mit dem Schutzauftrag nach § 8a SGB VIII und seit Anfang 2012 mit dem Bundeskinderschutzgesetz eine rechtliche Grundlage bekommen.

Risikoeinschätzungen bei Kindeswohlgefährdung sind sehr komplex und die Folgen von Fehleinschätzungen sind gravierend. Dieser Tatsache ist mit dem gesetzlichen Auftrag des "Zusammenwirkens mehrerer Fachkräfte" bei der Einschätzung des Gefährdungsrisikos Rechnung getragen (§ 8a Abs. 1 SBG VIII). Die gemeinsame Entscheidung mehrerer Personen erhält hier Vorrang vor einer Einzelentscheidung. Kooperationen im Kinderschutz erfüllen zwei Funktionen: Einerseits soll die konkrete Hilfe für das Kind und die Familie optimiert werden, andererseits geht es um die "Absicherung der Handlungsfähigkeit, der Reflexion und der Entscheidung der Fachkraft" (Seckinger 2008, S.12).

Interinstitutionelle Kooperation und Vernetzung sind jedoch nicht nur im akuten Gefährdungsfall wichtig, denn zu gelingendem Kinderschutz gehört auch Prävention. Beispielsweise sind Angebote für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern häufig im Schnittstellenbereich zwischen Jugend- und Gesundheitshilfe angesiedelt.

In Bezug auf vernachlässigende Familien ist bekannt, dass ein großer Teil bereits mit Betreuungsdiensten, z. B. mit dem Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD), Kontakt hatte. Aufgrund der speziellen Dynamik von Vernachlässigungsfamilien erfolgen diese Kontakte zumeist jedoch nur sporadisch und werden häufig erst bei aktuellen Krisen neu aktiviert. Das bedeutet, dass in vielen Multi-Problem-Familien mehrere Institutionen tätig sind. Miteinander vernetzt sollten sie einer Aufsplitterung der Hilfen entgegenwirken. Vernetzung bedeutet auch die Herstellung von Öffentlichkeit für die Belange von Kindern, Müttern und Vätern.

Die Vernetzung der Dienste und Einrichtungen, die § 8a SGB VIII fordert, beinhaltet auch die Erarbeitung gemeinsamer Stan-dards und Verfahren zur Betreuung von Vernachlässigungsfamilien. Durch die gesetzlichen Vorgaben sind die Akteure gehalten,
"Verantwortungsgemeinschaften" zu bilden. Dieser Begriff bedeutet, dass trotz unterschiedlicher Rollen und Zuständigkeiten niemand seine Verantwortung für ein Kind oder einen Jugendlichen abgibt. Gleichzeitig müssen die unterschiedlichen Kompetenzen, Zuständigkeiten und Erwartungen transparent gemacht und miteinander abgestimmt werden. Hierbei gilt es, alle Hilfebeziehungen wertzuschätzen und zu nutzen. Notwendig ist außerdem die fallübergreifende Vernetzung, insbesondere auch im Hinblick auf die politische Einmischung und Gestaltung einer sozialen Infrastruktur, die der Lebenssituation von Kindern und Eltern Rechnung trägt und zu einer Aktivierung des Stadtteils und damit zu einer Verbesserung des Lebensumfeldes führt.

Als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Lebenswelt sollten sowohl Mütter und Väter als auch Kinder und Jugendliche in die Vernetzung unbedingt einbezogen werden. Dies kann beispielsweise in Form von Stadtteilkonferenzen, "Runden Tischen" oder Kinder- bzw. Jugendkonferenzen geschehen. Den Betroffenen ermöglicht das zudem, Einfluss auf die Politik zu nehmen.

Die Kooperation von Hilfen dient letztlich auch dazu, Verständnis für die spezifische Lebenswelt einer Familie zu wecken und Gefährdungspotentiale abzuklären.

Kooperationspartner bei gefährdeten Säuglingen sind z. B. Säuglingskrankenschwestern, die ambulant arbeiten und Familien zu Hause aufsuchen, aber auch Kinderärzte und -ärztinnen sowie ambulante (Familien-)Hebammen. Fachkräfte aus dem Bereich der Gesundheitsversorgung sind oft stark an pflegerischen und äußeren Normen wie Sauberkeit und Ordnung orientiert. Familienhelferinnen oder Familienhebammen haben in der Kooperation deshalb die Aufgabe, für die Situation der Familien Verständnis zu wecken und zwischen Gesundheitspersonal und den Familien zu vermitteln. Zudem muss Entlastung bereitgestellt werden, beispielsweise durch Haushaltshilfen und durch Kinderbetreuung. Vor allem für junge alleinerziehende Mütter mit Säuglingen ist es notwendig, ein unterstützendes Netz zu organisieren, so dass die Mutter jeden Tag einen Ansprechpartner hat. Das muss nicht die Familienhelferin sein, die der jungen Mutter jeden Tag einen Besuch abstattet. Stattdessen können sich Krankenschwestern, Hebammen, Kinderärzte und -ärztinnen oder die Nachbarn mit dieser Aufgabe abwechseln.

Soziale Unterstützung bedeutet hier:

  • Emotionale Unterstützung
    Den Eltern die Gelegenheit geben, ihre Gefühle auszudrücken (unabhängig davon, ob es sozial erwünschte oder weniger erwünschte sind) und sie in ihren guten Absichten unterstützen.
  • Unterstützung durch Information
    Welche Bedürfnisse haben Kinder? Warum reagieren Kinder auf bestimmte Art und Weise? Wie kann man den Alltag so organisieren, dass problematische Erziehungssituationen bewältigt werden können?
  • Instrumentelle Unterstützung
    Konkrete Hilfe; Angebote der Kinderbetreuung zur Entlastung etc.

Es wird deutlich, dass unterschiedlichste Institutionen im Rahmen ihrer Aufgaben mit dem Problem der Kindesvernachlässigung konfrontiert werden. Welche Bereiche und damit verbundene Dienste in welcher Form mit dem Thema zu tun haben, wird im Folgenden aufgezeigt.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen