Umgang mit betroffenen Kindern und Eltern

Grundsätzlich Ganzkörperuntersuchung durchführen

Nach Möglichkeit bitte nur eine ausführliche Untersuchung des Kindes durchführen. Beim Verdacht auf sexuellen Missbrauch an Mädchen erfolgt diese Untersuchung idealerweise durch eine(n) auf kindergynäkologische Fragestellungen spezialisierte Ärztin oder spezialisierten Arzt. Die Untersuchung ist in jedem Fall als Ganzkörperuntersuchung durchzuführen.

Dem Kind Sicherheit geben

Wichtig ist hierbei ein kindgerechtes Untersuchungsverhalten. Die Symptomsuche kann in unauffälliger Form erfolgen. Heben Sie immer auch das Positive der Untersuchung hervor. Bestätigen Sie dem Kind, dass es grundsätzlich gesund ist. Ziel ist es, dem Kind die Sicherheit zu vermitteln, dass es über Erlebtes frei sprechen kann.

Gegenüber Eltern und Begleitpersonen Vertrauen aufbauen

Für eine erfolgreiche Verhinderung weiterer Gewalt ist es wichtig, dass die Arztpraxis eine vertrauensvolle Situation gegenüber Eltern oder Begleitpersonen schafft. Nur so können die behandelnden Ärzte ihre Vertrauensstellung im Sinne des Fallmanagements einsetzen.

  • Machen Sie deutlich, dass Sie sich um die Gesundheit des Kindes sorgen.
  • Vermeiden Sie wertende Haltungen gegenüber Eltern oder potentiellen Tätern – Voraussetzung für die Kooperationsbereitschaft der Eltern ist in der Regel eine offene Haltung auf Seiten der Fachkräfte.
  • Bieten Sie nur an, was Sie leisten können (Weiterleitung zu Beratung oder Therapie)

Führen Sie nach Möglichkeit ein abgesprochenes Vorgehen zur Inanspruchnahme oder Information von Beratungsstellen oder Jugendamt herbei. Erläutern Sie die Konsequenzen, sollten sich die verantwortlichen Erwachsenen nicht an die gemeinsame Vereinbarung halten z. B. eine Rückmeldung an das Jugendamt.

Ist eine Kontaktaufnahme zum Jugendamt notwendig, sind die Eltern nach § 4 Abs. 3 KKG im Regelfall vorher über diesen Schritt zu informieren. Ziel der Gespräche ist es, bei Verdacht auf Misshandlung oder Missbrauch des Kindes Vorbehalte oder Bedenken seitens der Eltern bzw. Begleitpersonen gegenüber der Inanspruchnahme einer speziellen Beratungseinrichtung abzubauen und den Aspekt der Hilfe und Annahme von Unterstützung in den Vordergrund zu stellen. Deshalb dürfen sie das Jugendamt nur von sich aus unterrichten, wenn sie nicht davon ausgehen können, dass das Gespräch dazu führt, dass die Sorgeberechtigten von sich aus das Jugendamt oder eine geeignete Beratungseinrichtung aufsuchen.

Persönliche Kenntnis der empfohlenen Einrichtungen schafft Glaubwürdigkeit

Kennen Sie als Arzt oder Ärztin eine bestimmte Beratungs- oder Hilfeeinrichtung oder können Sie vermitteln welche konkrete Hilfe Eltern und Kind dort bekommen können, ist dies sicherlich empfehlenswert und setzt die Hemmschwelle für die Betroffenen herab...

Eine Kontaktaufnahme zu den Beratungsstellen freier Träger ist zu empfehlen, wenn die persönliche Problembewältigung der Familie im Vordergrund steht und / oder wenn seitens der Eltern Vorbehalte gegenüber Behörden bestehen oder wenn eine absolute Vertraulichkeit gewahrt werden muss. Eine Beteiligung des Jugendamtes ist notwendig, wenn es um die Bewilligung sozialer Hilfen geht. Diese können dann auch über die Beratungsstellen initiiert werden. In Fällen sexuellen Missbrauchs und Vernachlässigung ist in jedem Fall Beratung durch Fachleute erforderlich.

Die Zeit bis Sie das Kind wieder sehen, kann, wenn sich dieses mit der ärztlichen Schweigepflicht in Einklang bringen lässt, für folgende Tätigkeiten genutzt werden:

  • Einholen zusätzlicher Informationen vom Jugendamt oder anderen Einrichtungen, mit denen Sie zusammenarbeiten.
  • Knüpfen eines Netzes für das gemeinsame Fallmanagement zwischen Ihrer Praxis, dem Jugendamt oder anderen Hilfeeinrichtungen
  • ggf. Teilnahme an Hilfekonferenzen oder ähnlichen Maßnahmen der Allgemeinen Sozialen Dienste

Einholung zusätzlicher Informationen von Allgemeinen Sozialen Diensten

Durch Kontaktaufnahme mit dem Jugendamt oder den Schulärzten wenn sich dieses mit der ärztlichen Schweigepflicht in Einklang bringen lässt, können weitere Einschätzungen zur Beurteilung einer Verdachtsdiagnose eingeholt werden. Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen erhalten u. a. durch Hausbesuche Informationen über das soziale Umfeld der Kinder.

Direkte Anzeige eines Falles bei Gericht nicht sinnvoll

Auch bei einem gesicherten Gewaltverdacht ist eine direkte Anzeige des Falles beim Familiengericht nicht sinnvoll. Bei Anrufung muss das Gericht tätig werden und wendet sich zunächst ohnehin an das Jugendamt. Bei gewichtigen Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung ist daher das Jugendamt Ihr richtiger Ansprechpartner.

Information über Vormundschaftsverhältnisse einholen

Familiengerichte stehen Ihnen jedoch für allgemeine juristische Auskünfte bereit. Insbesondere bei Ehen mit ausländischen Partnern kann eine Information zu Sorgerechtsfragen hilfreich sein. Eine Rückfrage beim zuständigen Familiengericht kann ebenfalls angezeigt sein, wenn die Vormundschaft geklärt werden soll und die Begleitperson des Kindes eine entsprechende Bestallungsurkunde nicht vorweisen kann.

Art und Umfang der Informationsweitergabe persönlich vereinbaren

Inhalt, Umfang und Anlass der Weitergabe von fallbezogenen Informationen zwischen der Arztpraxis und dem Jugendamt oder Beratungsstellen freier Träger sind mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der entsprechenden Einrichtungen möglichst persönlich zu vereinbaren. Seitens der kooperierenden Einrichtungen werden zunächst Informationen über die Entwicklung des Gesundheitszustandes des Kindes von Ihnen erwartet. Darüber hinaus ist z. B. die Mitteilung Bedeutsam, dass das Kind zu vereinbarten weiteren Untersuchungsterminen nicht erschienen ist.

Information an das Jugendamt auch ohne Einverständnis der Eltern möglich

Das Jugendamt in seiner Aufgabe als staatliches Wächteramt zu informieren setzt voraus:

  • Das aktuelle Ausmaß der gesundheitlichen Schäden erfordert die sofortige Herausnahme des Kindes aus seiner häuslichen Umgebung.
  • Beim Verbleib in der häuslichen Umgebung droht eine akute Gefahr für die Gesundheit, das Leben (z. B. durch Suizid) und die geistige Entwicklung des Kindes.

Falldokumentation für eventuelle gerichtliche Beweissicherung

Neben einer ausführlichen Dokumentation der Anamnese wird eine Dokumentation der Aussagen von Eltern / Begleitpersonen einschließlich ergänzender Eindrücke empfohlen. Die Dokumentation kann durch Fotografien der äußeren Verletzungen des Kindes ergänzt werden. Entsprechende Dokumente sind möglicherweise Grundlage für eine gerichtliche Beweissicherung. Eine ausführliche Dokumentation belegt zudem, dass eine mögliche Veranlassung behördlicher Maßnahmen durch den Arzt auf sorgfältiger Abwägung der Situation des Kindes beruht. Im Serviceteil dieses Leitfadens finden Sie eine Vorlage, mit der Sie die Dokumentation strukturieren können.

Teilnahme an Erziehungskonferenzen

Maßnahmen für Kinder bzw. deren Familien, die durch Gewalt und Missbrauch gefährdet sind, werden im wesentlichen durch fallbezogene Hilfekonferenzen nach dem Kinder- und Jugendhilfegesetz koordiniert. Die Teilnahme an diesen Hilfekonferenzen ermöglicht Ihnen, einen umfassenden Eindruck von der sozialen und familiären Situation des von Ihnen betreuten Kindes zu erhalten. Zusätzlich wird der Kontakt zu den Kooperationspartnern im Rahmen des gemeinsamen Fallmanagements vertieft.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen