Entwicklung einer Leitlinie Kinderschutz in der medizinischen Versorgung

19. August 2015

Ein Team der Bonner Universitäts-Kinderklinik erarbeitet eine neue Kinderschutz-Leitlinie für Fachleute aus der Medizin, Pädagogik und Jugendhilfe im Umgang mit Missbrauchsfällen. Das Projekt finanziert das Bundesministerium für Gesundheit.

Bislang gibt es keine deutschlandweit gültige Leitlinie zum medizinischen Kinderschutz, die im Umgang mit Verdachtsfällen und an der Schnittstelle von Gesundheits- und Jugendhilfe hilft. Dr. Ingo Franke und sein interdisziplinäres Team von der Klinik und Poliklinik für Allgemeine Pädiatrie am Zentrum für Kinderheilkunde des Universitätsklinikums Bonn (UKB) möchten das ändern.

Als Leitlinien-Koordinator erarbeitet Franke mit seinem vierköpfigen Team am Universitätsklinikum Methodik und Inhalte einer neuen Kinderschutz-Leitlinie, die 2017 erscheinen soll. Ziel ist im Wesentlichen die Erarbeitung von Handlungsempfehlungen für die Diagnostik und von Handlungsempfehlungen für die Zusammenarbeit mit anderen Professionen.

"Geplant sind derzeit fünf verschiedene Versionen: Lang- und Kurzfassungen für Mediziner sowie für die Jugendhilfe, die Pädagogik und die betroffenen Patienten", erklärt Franke. Rechtlich bindend ist die Leitlinie dann allerdings nicht. "Wir schreiben keine Gesetze, wir geben Handlungsempfehlungen. Die Leitlinie soll allen beteiligten Berufsgruppen Hilfestellung im Alltag sein und ihnen Sicherheit beim verantwortungsvollen Umgang mit möglichen Betroffenen bieten."

Seit 2011 bestand bereits von Seiten der Bundesregierung der Wunsch, eine S3-Leitlinie zu diesem Thema zu erarbeiten, also eine Leitlinie auf wissenschaftlich-medizinisch höchstem Niveau. Insgesamt 74 Fachgesellschaften und Organisationen verschiedenster Versorgungsbereiche beteiligen sich nun an diesem außergewöhnlichen Projekt. Dazu zählen neben den medizinischen und nicht-medizinischen Fachgesellschaften auch die Bundesministerien für Gesundheit, Bildung und Forschung, der Justiz und für Verbraucherschutz sowie für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Unterstützung geben auch die Bundesbeauftragte für Drogen, der unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs und die Bundesbeauftragte für Datenschutz und Informationsfreiheit.

Finanziert wird das Projekt durch das Bundesgesundheitsministerium. Aktuell stellt das Ministerium 830.000 Euro bis 2017 zur Verfügung. Franke rechnet nach Abschluss der AWMF-Leitlinie auch international mit großer Resonanz. "Wir haben durch unsere Recherche festgestellt, dass weltweit auf diesem Gebiet noch ein großes Defizit herrscht. In England wird derzeit an einer Leitlinie mit ähnlicher Zielsetzung gearbeitet. Ich denke, dass wir hier durch enge Kooperationen auch Synergien schaffen können."

Die erste konstituierende Sitzung mit allen Fachgesellschaften hat bereits im Februar 2015 stattgefunden. In einem nächsten Schritt wurden bei allen Gesellschaften Fallbeispiele abgefragt. 63 Fragen sollen Auskunft geben über Problemstellungen und Herausforderungen im Umgang mit Misshandlungs- und Missbrauchsopfern. Auf Grundlage von ca. 2.100 Fallbeispielen entwickelt das Team nun 30 exemplarische Kinderschutzfälle, die die Basis der Handlungsempfehlungen darstellen. Ein weiterer Nebeneffekt des Projektes: Die Untersuchung wird aufzeigen, in welchen Bereichen noch unzureichende Wissensstände vorliegen. Franke sieht hier die Möglichkeit zu Folgeprojekten, um solche Forschungslücken künftig zu schließen.

zurück

Die Website www.kinderschutzleitlinie.de informiert ausführlich über den Entwicklungsstand.

Weitere Informationen auf www.ag-kim.de sowie auf der Website des Universitätsklinikums Bonn

zurück

Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen