Familienrechtspsychologische Gutachten oft mangelhaft

24. Juli 2014

Bei besonders heftigen Streitigkeiten über elterliche Sorge, Aufenthalt der Kinder oder Umgangsrecht sollen Psychologinnen und Psychologen als Sachverständige Empfehlungen für die Gerichte erarbeiten. Deren Entscheidungen beeinflussen den Lebensweg der Kinder oft gravierend. Viele dieser familienrechtspsychologischen Gutachten weisen jedoch schwerwiegende Qualitätsmängel auf. Zu diesem Ergebnis kommen Prof. Christel Salewski und Prof. Stefan Stürmer, FernUni Hagen in ihrer Studie "Psychologische Gutachten für das Familiengericht: Diagnostische und methodische Standards in der Begutachtungspraxis". Darin haben sie 116 Gutachten aus den Jahren 2010 und 2011 im Bezirk des Oberlandesgerichts Hamm untersucht.

Erhebliche handwerkliche Fehler
91,4 Prozent davon wurden von Diplom- oder M.Sc.-Psychologen verfasst. In 56 Prozent der Gutachten wurden aus der gerichtlichen Fragestellung keine fachpsychologischen Arbeitshypothesen abgeleitet. Diese "Psychologischen Fragen" strukturieren den Begutachtungsprozess und sind damit eine grundlegende Voraussetzung für ein aussagekräftiges Gutachten. In 85,5 Prozent der Gutachten wurde die Auswahl der eingesetzten diagnostischen Verfahren nicht anhand der "Psychologischen Fragen" begründet. Bei 41 Gutachten (35 Prozent) erfolgte die Datenerhebung ausschließlich über methodisch problematische Verfahren wie unsystematische Gespräche und ungeplante Beobachtungen, keine oder psychometrisch ungenügende projektive Tests bzw. testähnliche Verfahren. Lediglich in zwei dieser Fälle wurde auf mögliche methodische Einschränkungen der Ergebnisse hingewiesen. Je nachdem, welche Kriterien zugrunde gelegt wurden, beurteilt die Studie ein Drittel bis mehr als die Hälfte der Gutachten als fehlerhaft.

Höhere Qualität der Gutachten bei rechtspsychologischer Fachausbildung
Die Analysen zum Qualifikationshintergrund der Sachverständigen zeigten allerdings, dass die Qualifikation zum "Fachpsychologen Rechtspsychologie" mit einer nachweislich höheren Qualität der Gutachten einhergeht. Ungefähr ein Drittel der Gutachten wurde von Fachpsychologen für Rechtspsychologie erstellt, die von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie e.v. (DGPs) bzw. dem Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP) zertifiziert wurden. Die Qualität ihrer Gutachten war nachweislich höher als die der anderen Gutachter.

Dialog zwischen Richterinnen/Richtern und Sachverständigen verbessern
Unterstützt wurde die Studie durch das Justizministerium des Landes Nordrhein-Westfalen. Dieses hat das Bundesministerium für Justiz und Verbraucherschutz im Hinblick auf einen verbesserten Dialog zwischen Richtern und Sachverständigen eingeschaltet. Das Berliner Justizministerium plant nun eine entsprechende Veranstaltung.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen