Rückblick: Fachtag Bindungs­orientierte Früh­präven­tion im Kontext Kinder­schutz

22. April 2020

Kinderschutz muss fachlich fundiert und laut sein. Geht nicht? Doch! Unter dem Titel "Bindungstheorie Wissen und Praxis – Bindungsorientierte Frühprävention im Kontext Kinderschutz" organisierte das Kinderschutz-Zentrum Osnabrück in Trägerschaft des Kinderschutzbundes Osnabrück e.V. den zweiten durch das niedersächsische Sozialministerium geförderten Fachtag.

Am 26. Februar 2020 trafen sich über 150 Fachkräfte um sich mit der Thematik einer sicheren emotionalen Bindung zwischen Kindern und Eltern als einer der bedeutendsten Schutzfaktoren in der kindlichen Entwicklung auseinander zu setzen. Im Berufsalltag der Frühen Hilfen, der Jugendhilfe und des Gesundheitswesens treten in Familien nicht selten Bindungsmuster auf, die zu schwierigen kindlichen Verhaltensmustern führen und sich generationsübergreifend fortsetzen.

Thomas Harms, Psychologe und Eltern-Baby-Therapeut in eigener Praxis, dem ZePP – Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie aus Bremen, machte in seinem Vortrag deutlich, wie eng körperliche Reaktionen und Gefühlsabläufe miteinander verbunden sind. Positiv genutzt und als körperorientierte Methode bewusst eingesetzt bietet dieser Zusammenhang die Möglichkeit, fehlende oder missglückte Bindungserfahrungen auch in den ersten Lebensmonaten eines Kindes auszugleichen und zu korrigieren. Von den positiven und recht zeitnahen Effekten der Emotionalen Ersten Hilfe konnten sich die teilnehmenden Fachkräfte in einigen eindrucksvollen Videobeispielen aus der Praxis überzeugen.

Der Blick auf Kinder psychisch kranker Eltern ist seit langem eine Thematik, für die sich Dr. Michael Hipp, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie einsetzt. Er ist Mitbegründer des Förderkreises KIPKEL und Initiator der Kooperationsvereinbarung zwischen den Institutionen der Erwachsenenpsychiatrie und der Jugendhilfe im Kreis Mettmann. Aus seiner jahrelangen Erfahrung heraus machte Dr. Hipp deutlich, wie wichtig es ist, sich als multiprofessionelles Helfersystem gut aufeinander abzustimmen um für die Kinder unnötige Warteschleifen zu vermeiden. Dies erfordere von den beteiligten Fachkräften ein hohes Maß an Fachkenntnis und auch immer wieder die Bereitschaft, mutige Entscheidungen zu treffen und sich klar zu positionieren. Dass das Handeln der Eltern auf Grund der Erkrankung in der Regel nicht vorsätzlich geschehe, sei unumstritten. Tragisch sei, dass dies für die Bindungsqualität zu den Kindern keinen Unterschied mache. Vielmehr stelle deren Bedürfnisäußerungen Eltern mit psychischen Erkrankungen vor vielfältige Herausforderungen, nicht zuletzt durch Konfrontationen mit eigenen unzureichenden oder auch traumatischen Bindungserfahrungen, die den Aufbau einer sicheren Bindung zum eigenen Kind beeinträchtigen.

KS-Zentrum-OS-Fachtag-02-2020_Gruppenbild_Harms-Havekost-Ludwig-HippBeide Vorträge ergänzten sich mit ihren Blickwinkeln hervorragend und wurden thematisch in Workshops am Nachmittag weiter vertieft. Vervollständigt wurden die Präsentationen durch zwei Praktikerinnen aus der Stadt Osnabrück. Helle Bovensmann, Dipl. Psychologin der stationären Don Bosco Jugendhilfe hat die Aspekte wie Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit bindungsgestörten Kindern beleuchtet. Ruth Ludwig, Dipl. Sozialpädagogin und Koordinatorin der Frühen Hilfen Stadt des Kinderschutz-Zentrums hat anschaulich das Verfahren zur "Bindung durch Berührung" vermittelt.

Insgesamt kann von einem gelungenen Fachtag gesprochen werden, der begeisterte, zum Nachdenken anregte und neue Impulse schaffte. Kinderschutz braucht qualitatives Handeln und muss gehört werden. Ein entsprechend rhythmisch mitreißender Abschluss gelang den Groove Onkels, einer Gruppe vollprofessioneller Drummer aus der norddeutschen Tiefebene.

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Foto: Kinderschutz-Zentrum Osnabrück | v.l.: Thomas Harms, Anell Havekost, Leitung Kinderschutz-Zentrum Osnabrück, Ruth Ludwig, Dr. Michael Hipp

Kinderschutz-Zentrum Osnabrück, 17.04.2020

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Familien in Niedersachsen