Sexueller Miss­brauch an Minder­jährigen in der katholischen Kirche (MHG-Studie): Ergebnisse veröffent­licht

9. Oktober 2018

Deutsche-Bischofskonferenz_LogoDie Deutsche Bischofskonferenz hat am 25. September 2018 die Ergebnisse der Studie über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche der Öffentlichkeit vorgestellt. Die "MHG-Studie" ist benannt nach den Orten der Universitäten des Forschungskonsortiums – M(annheim)-H(eidelberg)-G(ießen) – und trägt den Titel "Sexueller Missbrauch an Minderjährigen durch katholische Priester, Diakone und männliche Ordensangehörige im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz". Im Rahmen des Forschungsprojektes wurden 38.156 Personal- und Handakten der 27 Diözesen aus den Jahren 1946 bis 2014 durchgesehen.

Zahl der beschuldigten Kleriker
Bei 1.670 Klerikern der katholischen Kirche fanden sich Hinweise auf Beschuldigungen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger. Das waren 4,4 Prozent aller Kleriker aus den Jahren 1946 bis 2014, von denen Personalakten und weitere Dokumente in den Diözesen durchgesehen wurden. Diese Zahl stellt eine untere Schätzgröße dar; der tatsächliche Wert liegt aufgrund der Erkenntnisse aus der Dunkelfeldforschung höher.

Bei Diözesanpriestern betrug der Anteil 5,1 Prozent (1.429 Beschuldigte), bei Ordenspriestern im Gestellungsauftrag 2,1 Prozent (159 Beschuldigte) und bei hauptamtlichen Diakonen 1,0 Prozent (24 Beschuldigte).

Bei 58 Beschuldigten war der Klerikerstatus unbekannt.

Sofern Personalakten von Klerikern durchgesehen wurden, die im Zuge des Antragsverfahrens zu "Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde" beschuldigt worden waren, fand sich nur in 50 Prozent der in den Anträgen von der katholischen Kirche als plausibel eingestuften Beschuldigungen ein entsprechender Hinweis auf die Beschuldigung oder die Tat in der Personalakte oder anderen kirchlichen Dokumenten des jeweiligen Klerikers.

Damit wäre die Hälfte aller Fälle im Rahmen einer reinen Personalaktendurchsicht ohne die aktive Antragstellung der Betroffenen zu "Leistungen in Anerkennung des Leids, das Opfern sexuellen Missbrauchs zugefügt wurde" nicht entdeckt worden. Dies gibt einen Hinweis auf das Ausmaß des anzunehmenden Dunkelfelds

Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen
Den 1.670 beschuldigten Klerikern konnten nach den Personal- und Handakten insgesamt 3.677 Kinder und Jugendliche als von sexuellem Missbrauch betroffen zugeordnet werden. Dies waren im Durchschnitt 2,5 Betroffene pro Beschuldigtem.

In der Analyse von Strafakten lag die Zahl bei 3,9.

Bei 54 Prozent der Beschuldigten lagen Hinweise auf einen einzigen Betroffenen vor, bei 42,3 Prozent Hinweise auf mehrere Betroffene ("Mehrfachbeschuldigte"), bei 3,7 Prozent fehlten entsprechende Angaben. Die Mehrfachbeschuldigten hatten durchschnittlich 4,7 Betroffene. Der Maximalwert lag bei 44 Betroffenen eines Beschuldigten.

Fazit der Studie

  • Es gibt Hinweise darauf, dass in der Vergangenheit Akten teilweise vernichtet oder manipuliert wurden.
  • Die ermittelte Quote ist die Spitze des Eisbergs, dessen tatsächliche Größe unbekannt ist.
  • Sexueller Missbrauch durch katholische Kleriker ist ein anhaltendes Problem.
  • Es handelt sich keinesfalls um ein historisches Phänomen, das in der Vergangenheit abgeschlossen ist.
  • Weitere Aufklärung, Aufarbeitung und Prävention sind deshalb dringend notwendig.
  • Die Reaktion der Kirche auf eine erhebliche Anzahl von Fällen des sexuellen Missbrauchs war inadäquat.
  • Der Schutz von Institution und Beschuldigten hatte Vorrang vor den Interessen der Betroffenen.
  • Beim Missbrauch Minderjähriger durch Kleriker handelt es sich nicht nur um das Fehlverhalten Einzelner, sondern das Augenmerk ist auf die für die katholische Kirche spezifischen Strukturmerkmale zu richten, die sexuellen Missbrauch Minderjähriger begünstigen oder dessen Prävention erschweren.
  • Das Risiko sexuellen Missbrauchs von Kindern und Jugendlichen innerhalb der Strukturen der katholischen Kirche besteht fort und verlangt konkrete Handlungen, um Risikokonstellationen entgegenzuwirken.

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Der Forschungsbericht, eine Zusammenfassung und weitere Materialien sowie Statements zur Studie stehen auf der Website der Deutschen Bischofskonferenz zur Verfügung.

Quelle: Deutsche Bischofskonferenz, 25.09.2018

Stellungnahmen zur Studie

Telefon- und Onlineberatung für Betroffene von sexualisierter Gewalt

www.hilfe-nach-missbrauch.de
anonym und 24 Stunden besetzt

www.hilfeportal-missbrauch.de
Hilfeportal Sexueller Missbrauch des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs

Hilfetelefon Sexueller Missbrauch
0800 22 555 30
kostenfrei und anonym

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
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