Zahlen kindlicher Gewaltopfer – Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2020

28. Mai 2021

"Hier ist ein Kipppunkt erreicht – wir müssen verhindern, dass das System kollabiert!" So fasst Missbrauchsbeauftragter Johannes-Wilhelm Rörig die Auswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik 2020 mit den Zahlen kindlicher Gewaltopfer zusammen und fordert die Einsetzung einer Enquête-Kommission. Am 26. Mai 2021 stellte er die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) 2020 zu Gewalttaten gegen Kinder und Jugendliche gemeinsam mit dem Präsidenten des Bundeskriminalamtes Holger Münch in Berlin vor.

Laut PKS sind im Jahr 2020 152 Kinder gewaltsam zu Tode gekommen. 115 von ihnen waren zum Zeitpunkt des Todes jünger als sechs Jahre. Im Vergleich zum Vorjahr handelt es sich um einen Anstieg von 35,7 Prozent. In 134 Fällen erfolgte ein Tötungsversuch.

Mit 4.918 Fällen von Misshandlungen Schutzbefohlener wurde eine Zunahme um 10 Prozent im Vergleich zum Vorjahr registriert.

Kindesmissbrauch ist um 6,8 Prozent auf über 14.500 Fälle gestiegen. Stark angestiegen sind mit 53 Prozent auf 18.761 Fälle die Zahlen bei Missbrauchsabbildungen, sogenannter Kinderpornografie. Auch die starke Zunahme bei der Verbreitung von Missbrauchsabbildungen durch Minderjährige war in 2020 besorgniserregend: Laut PKS hat sich die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die Missbrauchsabbildungen – insbesondere in Sozialen Medien – weiterverbreiteten, erwarben, besaßen oder herstellten, in Deutschland seit 2018 mehr als verfünffacht – von damals 1.373 auf 7.643 angezeigte Fälle im vergangenen Jahr.

Die jährlichen PKS-Zahlen geben die der Polizei bekannt gewordenen Delikte an. Das Dunkelfeld, also der Anteil an Straftaten, von denen die Polizei keine Kenntnis erhält, ist um ein Vielfaches größer. So gehen Schätzungen davon aus, dass in Deutschland pro Schulklasse 1-2 Schülerinnen / Schüler sexueller Gewalt ausgesetzt sind oder waren.

Enormer Anstieg von Missbrauchsabbildungen im Netz aus – internationale Untersuchungen bestätigen eklatanten Anstieg in 2020
Foren im Darknet werden von Tätern zunehmend professionell organisiert, kleinere Täter-gemeinschaften verstecken sich hinter verschlüsselter Kommunikation. Neben den PKS-Zahlen verweisen auch internationale Zahlen für 2020 auf eine Zunahme der sexuellen Ausbeutung von Kindern online: Laut Europol ist im ersten Corona-Lockdown in Europa der Konsum von Missbrauchsabbildungen um rund 30 Prozent gestiegen. Europol und die britische Internet Watch Foundation (IWF) weisen darauf hin, dass auch das Livestreaming von sexualisierter Gewalt via Webcam aus den häuslichen Kinderzimmern immer mehr nachgefragt wird. Die IWF berichtet für 2020, dass 33 Prozent der kinderpornografischen Websites Vergewaltigungen oder sexualisierte Folter von Kindern zeigen. 55 Prozent der abgebildeten Kinder sind unter 10 Jahre alt und 2 Prozent sind jünger als 2 Jahre alt. Das NCMEC (National Center for Missing & Exploited Children) in den USA registrierte laut EU-Kommission im April 2020 einen Anstieg von mehr als 400 Prozent bei verdächtigen Fällen: Waren es im April 2019 noch rund 1 Mio berichteter Fälle, so lag die Zahl im April 2020 schon bei über 4 Mio Fälle. Durch Lockdown, Homeschooling und weniger Freizeitaktivitäten seien die Kinder den Gefahren im Internet vermehrt ausgesetzt. Gleichzeitig seien auch mehr Täter durch den Lockdown im Netz aktiv.

Der Unabhängige Missbrauchsbeauftragte (UBSKM) forderte, dass der nächste Bundestag eine Enquête-Kommission einsetzt. Dort sollten Expertinnen und Experten aus dem Datenschutz, Kinderschutz, Cyberkriminologie, Ermittlerinnen und Ermittler und Vertretungen der großen Online-Unternehmen und Gamingplattformen zusammen eine Grundsatzstrategie zur Bekämpfung sexueller Gewalt im Netz erarbeiten.

Nationaler Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen: Strategie zur Häufigkeitsforschung
Der im Dezember 2019 unter dem Vorsitz der damaligen Bundesfamilienministerin Franziska Giffey und dem Missbrauchsbeauftragten Rörig und unter Beteiligung des Bundeskriminalamtes eingerichtete Nationale Rat gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen (www.nationaler-rat.de) ist das zentrale nationale Forum für den langfristigen und interdisziplinären Dialog von politischen und gesellschaftlichen Akteuren. Bereits im Sommer 2021 wird er zu einer ersten Verständigung zu konkreten Zielen und Maßnahmen kommen. Hierbei wird es auch um die Entwicklung einer Strategie für eine kontinuierliche Prävalenz- bzw. Häufigkeitsforschung in Deutschland gehen, also regelmäßige repräsentative Befragungen zu Gewalt an Kindern. Dann wird es künftig auch möglich sein, neben Hellfeldzahlen wie zum Beispiel der PKS weitere verlässliche Zahlen aus dem Dunkelfeld zu haben, die Aufschluss darüber geben können, welche Maßnahmen wie ankommen und wo nachgesteuert werden muss.

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Die vollständige Pressemitteilung mit Statements der Beteiligten sowie einer digitalen Pressemappe mit weiteren Informationen, Zahlen und Tabellen u.a. zur PKS 2020 finden Sie unter beauftragter-missbrauch.de

Quelle: USBKM, 26.05.2021

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