Kinderschutz ist mehr als Strafverfolgung

7. August 2020

Kinderschutz-Zentren_LogoDer Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft der Kinderschutz-Zentren e.V. hat mit einem Zwischenruf auf die aktuelle mediale und politische Debatte zum besseren Schutz von Kindern vor sexueller Gewalt reagiert. Die BAG fordert, die Position von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt zu stellen, die Zugänge für Familien zu stärken und die Fachleute zu beteiligen. Kinderschutz, Hilfe und strafrechtliches Handeln müssen gleichermaßen gewährleistet sein und sich gemeinsam am Kindeswohl orientieren.

Die jüngst bekannt gewordenen Fälle von Gewalt an Kindern zeigen in aller Dramatik die Dimensionen von Ursachen, Formen und Folgen von Gewalt. Es sind Fälle organisierter, systematischer schwerer sexueller Gewalt in einem Ausmaß, das fassungslos macht. Die Ausnutzung der Möglichkeiten digitaler Darstellung und Vermarktung verschärft die Problematik zusätzlich.

Differenzierte Betrachtung von Gewalt in der amilie und organisierter systematischer Gewalt
In der derzeitigen medialen und politischen Debatte fehlt es in eben der verständlichen Fassungslosigkeit jedoch an Differenzierung und vielen fachlich notwendigen Überlegungen. Zum einen muss zunächst festgehalten werden, dass organisierte systematische Gewalt sich in Ursachen, Dynamik, Verlauf und Handlungserfordernissen unterscheidet von den vielfältigen Fällen von Gewalt in der Familie und in Beziehungen im Nahfeld von Kindern und Jugendlichen. Diese unterschiedliche und differenzierte Betrachtung muss weiter im Fokus bleiben. Zum anderen ist zu sehen, dass beide Arten des Geschehens die Aufforderung beinhalten, wiederholt darüber nachzudenken, wie die bestehenden Strukturen und Systeme im Kinderschutz sich weiterentwickeln sollten, um im Problemfeld sexuelle Gewalt noch passgenauer präventiv agieren und in der Hilfe reagieren zu können - insbesondere in Fällen wie den jetzt bekannt gewordenen.

Sexuelle Gewalt berührt mit der Dynamik von Machtmissbrauch, Ausbeutung und Geheimhaltung in besonderer Weise. Deshalb ist hier der Wunsch nach schnellen und effektiven Lösungen auch besonders groß – diese aber sind nicht einfach herstellbar, wie die Geschichte und die gesellschaftliche Gegenwart zeigen. Hierbei ist auch zu berücksichtigen, dass sich Fälle sexueller Gewalt bei differenzierter Betrachtung meist als komplexer Zusammenhang von Formen psychischer Gewalt, seelischer und/oder physischer Vernachlässigung oder körperlicher Gewalt erweisen.

Kinder und Jugendliche in Veränderungs- und Hilfeprozesse einbeziehen
Wenn es, ob präventiv oder im Verstehen und in der Hilfe, um sexuelle Gewalt geht, ist eins der Ziele, Kinder und Jugendliche zu schützen bzw. sie (wieder) zu Subjekten und Gestaltenden ihres eigenen Lebens werden zu lassen, nicht zu Objekten. Dazu gehört auch, sie nicht dauerhaft als Opfer zu stigmatisieren. Grundlegend wichtig ist es dabei, Kinder und Jugendliche in Veränderungs- und Hilfeprozesse angemessen einzubeziehen und damit die Chance zur Bewältigung erlebter Traumata zu ermöglichen. Ebenso muss die Position von Kindern und Jugendlichen im Sinne angemessener Prävention weiter gestärkt werden.

Kinderschutz, Hilfe und strafrechtliches Handeln gleichermaßen gewährleisten
Aus den Erfahrungen und Kenntnissen aus langjähriger Arbeit in den Kinderschutz-Zentren und in Fällen von sexueller, körperlicher und anderer Gewalt zeigt sich, dass strafrechtliche Konsequenzen, wie sie gegenwärtig diskutiert werden, zwar verständlich und wichtig sind. Allerdings können diese den Schutz und die Veränderung für Kinder nicht versprechen und nicht allein bewirken. Kinderschutz bedeutet in Deutschland vielmehr und vor allem das kompetente Zusammenwirken unterschiedlicher Einrichtungen aus Kinder- und Jugendhilfe, Medizin und Justiz. Statt einseitiger Krisenreflexe scheint daher eine Überprüfung und Entwicklung von Hilfestrukturen als aussichtsreicher, die die Position von Kindern und Jugendlichen in den Mittelpunkt stellen, die Zugänge für Familien stärken und die Fachleute mitnehmen und beteiligen. Kinderschutz, Hilfe und strafrechtliches Handeln müssen gleichermaßen gewährleistet sein und sich gemeinsam am Kindeswohl orientieren.

Insbesondere folgende Aspekte müssen aus Sicht der Kinderschutz-Zentren dabei jetzt bedacht und weiterentwickelt werden:

  • Das Kind im Mittelpunkt – und die Familie nicht aus dem Blick
  • Hilfestrukturen ausbauen und qualifizieren
  • Besondere Belastungen angemessen beantworten

Kinderschutz nicht auf einseitige Krisenreflexe zu reduzieren, sondern krisenfeste und nachthaltige Strukturentwicklungen anzustoßen – das, so die Forderung, ist das Gebot der Stunde: Kinder und Jugendliche vor Gewalt zu schützen heißt präventive Angebote und belastbare Hilfeprozesse zu stärken und gesamtgesellschaftlich stärker in den Fokus zu rücken.

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Der vollständige Zwischenruf mit detaillierten Forderungen steht auf der Website der BAG Kinderschutz-Zentren als Download zur Verfügung.

Quelle: Die Kinderschutz-Zentren, 20.07.2020

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
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