UNICEF-Report dokumentiert weltweit hohes Maß an Gewalt gegen Kinder

8. September 2014

Kinder und Jugendliche sind weltweit in ihrem näheren Lebensumfeld in erschreckendem Ausmaß körperlichen, sexuellen und seelischen Misshandlungen ausgesetzt. Bis heute sind Einstellungen, die Gewalt rechtfertigen, sie stillschweigend hinnehmen oder als nicht schädlich ansehen, weit verbreitet. Dies ist das Ergebnis der bis heute umfassendsten Datensammlung zu Gewalt gegen Kinder, die UNICEF am 4. September veröffentlichte.

Für den Report "Hidden in Plain Sight" hat UNICEF systematisch Daten zu Gewalt gegen Kinder durch Familienmitglieder, Nachbarinnen und Nachbarn, Freundinnen und Freunde oder Mitschülerinnen und Mitschüler aus 190 Ländern untersucht. Trotz weiter bestehender erheblicher Informationslücken macht der Bericht das vielfach verdrängte und übersehene Leid der Kinder und die vielfach lebenslangen Folgen sichtbar. Kinder, die regelmäßig Gewalt ausgesetzt sind, haben häufig Lernprobleme. Sie entwickeln nur ein geringes Selbstvertrauen und leiden öfter unter Depressionen. Kinder, die in einer solchen Umgebung aufwachsen, setzen die gelernten Strategien in Konfliktsituationen später häufig gegen ihre eigenen Partner oder Kinder ein.

Die wichtigsten Ergebnisse:

  • Tödliche Übergriffe auf Kinder und Jugendliche
    Im Jahr 2012 wurden weltweit rund 95.000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren ermordet. Die weitaus größte Zahl von ihnen stammt aus Entwicklungs- und Schwellenländern. Lateinamerika und die Karibikregion weisen das höchste Ausmaß tödlicher Gewalt auf – gefolgt von Westafrika. Die drei Länder mit der höchsten Mordrate sind El Salvador, Guatemala und Venezuela. Die meisten tödlichen Übergriffe auf Kinder verzeichnen 2012 Nigeria (13.000) und Brasilien (11.000).

  • Gewalttätige Erziehungspraktiken
    Schläge, Anschreien und andere Formen der Misshandlung wie einsperren gehören für viele Kinder auf der Welt weiter zum Alltag. Die Auswertung von Daten aus 58 Staaten zeigen, dass dort 17 Prozent der Kinder immer wieder schwere Schläge ins Gesicht, auf den Kopf oder harte Prügel erhalten. In Ägypten, Jemen und Tschad erfahren sogar 40 Prozent der Kinder schwere Prügelstrafen.

  • Einstellungen zu körperlicher Züchtigung
    Drei von zehn Erwachsenen weltweit sind der Meinung, dass körperliche Züchtigungen zur Erziehung dazugehören, um ein Kind zu disziplinieren und gut aufzuziehen. In den meisten Ländern herrschen solche Einstellungen vor allem bei Erwachsenen mit geringer Bildung und in sehr armen Familien vor. Im Jemen beispielsweise teilen 51 Prozent der Mütter diese Ansicht.

  • Gewalt zwischen Kinder und Jugendlichen und in Beziehungen
    Körperliche Auseinandersetzungen unter Heranwachsenden sind weit verbreitet. In 25 Ländern, aus denen Daten vorliegen, sind 13 bis 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen davon betroffen. Weltweit erfährt jede/r dritte Schüler/in regelmäßig Mobbing – oft gepaart mit körperlichen Drangsalierungen. Mädchen erleben häufig durch ihren Freund bzw. Partner Gewalt. Weltweit ist nahezu jedes dritte Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren, das in einer Partnerschaft lebt, Zielscheibe emotionaler, körperlicher oder sexueller Misshandlungen durch ihren Partner oder Ehemann (84 Millionen).

  • Sexuelle Gewalt
    Schätzungsweise jedes zehnte Mädchen auf der Welt macht in ihrem Leben die Erfahrung, zum Geschlechtsverkehr gedrängt oder gezwungen zu werden. Sexuelle Gewalt geht in den weitaus meisten Fällen von den Partnern, Ehepartnern oder Freunden aus. Während das Phänomen oft mit armen Ländern oder Krisengebieten in Verbindung gebracht wird, ist es jedoch auch in Industrieländern verbreitet. Eine häufige Form sexueller Gewalt ist heute auch die Bloßstellung oder Belästigung im Internet.

  • Einstellungen zu Gewalt
    Die Hälfte aller Mädchen und jungen Frauen zwischen 15 und 19 Jahren (rund 126 Millionen) sind der Meinung, dass ein Ehemann oder Partner berechtigt ist, seine Frau gelegentlich zu schlagen. Im südlichen Afrika und in Nordafrika und im Nahen Osten ist der Anteil noch höher. Auch in Südasien ist diese Einstellung weit verbreitet. Daten aus 30 Ländern dokumentieren, dass sieben von zehn Mädchen, die Opfer sexueller Gewalt waren, niemals Hilfe gesucht haben. Viele dachten nicht, dass es Missbrauch war und erkannten nicht, dass dies ihnen schadet.

UNICEF hebt sechs zentrale Strategien hervor, um Gewalt gegen Kinder zurückzudrängen. Dazu gehören Unterstützungsprogramme für Eltern, die Stärkung des Selbstbewusstseins von Kindern, Aufklärungskampagnen, Gesetzesreformen und wirksame Kinderschutzsysteme. Eine kontinuierliche Überwachung und Dokumentation des Problems ist Voraussetzung dafür, effektive Strategien und Maßnahmen zu entwickeln.

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Weitere Informationen, eine Zusammenfassung des UNICEF-Report "Hidden in plain sight" in Deutsch sowie der vollständige Report stehen auf der Website von UNICEF zur Verfügung.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen