Bilanz 10 Jahre 'Missbrauchsskandal' und neuer Spot – Mehr Aufklärung und Sensibilisierung nötig

30. Januar 2020

In einer Pressekonferenz am 28. Januar 2020 zog der Unabhängige Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig eine kritische Bilanz der bisherigen Anstrengungen gegen Missbrauch in Deutschland. Anlass dazu war der Jahrestag der Veröffentlichung der Berliner Morgenpost zu den Missbrauchsfällen am Berliner Canisius-Kolleg vor 10 Jahren. Mit dabei waren auch Matthias Katsch, Sprecher der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch e.V., der den sogenannten "Missbrauchsskandal" maßgeblich ins Rollen brachte, und Silke Noack, Leiterin des bundesweiten "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch". Zum Abschluss der Pressekonferenz stellte die Regisseurin Caroline Link den neuen Spot "Anrufen hilft!" gegen Kindesmissbrauch vor.

Rörig: "Wir brauchen klare Ziele, verbindliche Maßnahmen und ausreichend Geld, um Missbrauch aufzudecken und Kinder endlich besser zu schützen."

Zentrales Ziel: Maximale Reduzierung der Fallzahlen
Die Polizeiliche Kriminalstatistik verzeichnet jährlich über 20.000 Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch und Missbrauchsabbildungen von Kindern, sogenannte Kinderpornografie. Hinzu kommen tausende unbekannte Fälle. Rörig fordert deshalb einen gesamtgesellschaftlichen Pakt gegen Missbrauch. Der neue Nationale Rat, das von Bundesministerin Dr. Franziska Giffey und Rörig im Dezember 2019 einberufene Spitzengremium aus Politik, Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Praxis und Betroffenen, biete eine starke Plattform für diesen Pakt.

Rörig wiederholte seine Forderungen nach einer programmatischen Verantwortung der politischen Parteien, Stärkung von Beratungs- und Ermittlungsstrukturen und Ausbau von Prävention und Sensibilisierung der Öffentlichkeit.

Mit Blick auf Jugendämter, Fachberatungsstellen und Ermittlungsbehörden fordert Rörig eine personelle und finanzielle Stärkung. Zudem müssten alle Ermittlungsinstrumente geschärft werden. Es brauche eine EU-rechtskonforme Vorratsdatenspeicherung, gesetzliche Meldepflichten zu Missbrauchsabbildungen im Netz und in diesem Zusammenhang auch einen gesellschaftspolitischen Diskurs zum Verhältnis Datenschutz und Kinderschutz. Außerdem sollten alle Einrichtungen, denen Kinder anvertraut sind, künftig gesetzlich zur Entwicklung und Anwendung von Schutzkonzepten gegen sexuellen Missbrauch verpflichtet und ihnen hierfür die notwendige Unterstützung zugesichert werden. Um die Erreichung der Ziele messbar zu machen, brauche es zudem eine regelmäßige Prävalenz- und Wirkungsforschung

Spot "Anrufen hilft!" – Mehr Aufklärung und Sensibilisierung
Abschließend forderte Rörig eine breit angelegte Aufklärungs- und Sensibilisierungskampagne. Es sei wichtig, dass offen über das Thema gesprochen werde und alle Bescheid wüssten. Betroffene berichteten immer wieder, wie häufig vor allem das nahe Umfeld versagt habe, weil Mitwissende weggesehen und nicht geholfen hätten.

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Mit dem neuen Spot "Anrufen hilft!" möchte Rörig auf das bundesweite Angebot des "Hilfetelefon Sexueller Missbrauch" (0800 22 55 530) hinweisen und Menschen aktivieren, dort anzurufen, wenn sie sich Sorgen um ein Kind machen. Am Hilfetelefon arbeiten über 20 psychologisch und/oder pädagogisch ausgebildete Fachkräfte mit jahrelanger Erfahrung in der Beratung und Begleitung bei sexuellem Kindesmissbrauch. Seit Beginn des Hilfetelefons in 2010 wurden über 43.000 Beratungsgespräche geführt. Die Beratung erfolgt bundesweit, kostenfrei und anonym.

Der Spot, bei dem Regisseurin Caroline Link pro bono Regie führte, ist auf zahlreichen TV-Sendern, in Kinos, auf Social Media und auf www.anrufen-hilft.de sichtbar.

Zusätzlich zum Spot stehen auf der Website auch Infografiken zur Nutzung in den Sozialen Medien bereit.

Zum Hintergrund

Am 28. Januar 2010 berichtete die Berliner Morgenpost über Missbrauchsfälle am Berliner Canisius-Kolleg. Viele hunderte Betroffene aus weiteren Einrichtungen wie dem Kloster Ettal oder der Odenwaldschule brachen daraufhin ihr Schweigen und lösten damit im Frühjahr 2010 den sog. "Missbrauchsskandal" aus. In der Folge wurde der Runde Tisch "Sexueller Kindesmissbrauch" der Bundesregierung (2010/11) einberufen und das Amt einer/eines Unabhängigen Beauftragten eingerichtet.

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Quelle: Unabhängiger Beauftragter für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs (USBKM), 28.01.2020

Die vollständige Pressemitteilung sowie weitere Informationen sind nachzulesen auf der Website des UBSKM.

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