Familien mit Säuglingen – die Situation der Eltern nach der Geburt

Neben der Freude über ein Neugeborenes bedeutet die Geburt eines Kindes in vielerlei Hinsicht auch eine Krisensituation für die Familie: Die Beziehung der Partner untereinander verändert sich, sie müssen erst in ihre Rolle als Eltern hineinwachsen. Ein neugeborenes Kind stellt hohe Anforderungen: Der Haushalt steht Kopf, Tag und Nacht geraten durcheinander. Kinder weinen und rufen in den Eltern Ratlosigkeit, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit hervor.

Gerade die Mütter geraten unter Druck: Auf der einen Seite steht der Wunsch, eine "gute", "liebevolle" und natürlich auch "glückliche" Mutter zu sein, so wie es die Gesellschaft erwartet. Auf der anderen Seite gibt es alltägliche Erfahrungen von Frustration, Ärger, Überforderung und Angebunden-Sein. Der (notwendigen) Intensität der Beziehung zum Kleinkind stehen die Normen dieser Gesellschaft – Leistung, Effektivität, Anspruch auf Unabhängigkeit und Freizeit – entgegen. Der gesellschaftliche Druck auf Mütter ist hoch.

Wird ein Kind in eine Familie hineingeboren, die in vielerlei Hinsicht belastet ist (z.B. mit finanziellen Sorgen, Wohnungsnot, Arbeitslosigkeit und ungeklärter Zukunft, sozialer Isolation, mit Problemen in der Partnerschaft etc.), entsteht aus der chronischen Überlastungssituation leicht die Situation des "Ausgebrannt-Seins". Dies kann zu Distanz, Abneigung und Teilnahmslosigkeit gegenüber den Kindern führen.

Auch "schwierige" Verhaltensweisen von Kleinkindern und Säuglingen, z.B. intensives Schreien, unberechenbare biologische Rhythmen, Störungen des Essverhaltens usw., sind Risikofaktoren, die zu Vernachlässigung führen können. Schreien, das eigentlich Teil des Bindungsverhaltens ist, kann in extremen Situationen sogar zum Auslöser von Misshandlung werden. Es bahnt sich die Gefahr einer Wirkungskette an. Die Überforderung und Erschöpfung der Eltern führen zu aggressiven Reaktionen, das Kind schreit noch mehr, wird noch nervöser. Es entstehen Schuldgefühle, vor allem auf Seiten der Mutter. Das Selbstwertgefühl der Mutter zerbricht. Frauen mit solchen "schwierigen" Säuglingen brauchen Entlastung, aber auch die Bestätigung, dass beispielsweise die Existenz von "Schreibabys" nicht auf ihr Versagen oder Verschulden zurückzuführen ist.

In der ersten Zeit nach der Geburt brauchen Mütter selbst "Bemutterung", also Unterstützung, Anerkennung und vor allem Entlastung bei der Betreuung des Säuglings. Mutter und Kind sind hilfsbedürftig. Die Vernachlässigung des Kindes und des Haushalts sind in dieser sensiblen Phase oft Ausdruck einer tiefen Depression und eines Gefühls der Verlassenheit. Für Außenstehende, die keine Erfahrung mit eigenen Kindern haben, ist es manchmal schwer nachzuvollziehen, in welchem Ausmaß ein Kleinkind seine Mutter (und seinen Vater) rund um die Uhr fordern kann.

Sehr junge und sozial benachteiligte Mütter können in Überforderungssituationen sogar in eine Konkurrenz zum Kleinkind geraten. Bedürfnisse von Kindern wahrnehmen zu können, setzt in gewissem Maß die Wahrnehmung und Befriedigung der eigenen Bedürfnisse voraus. Erwachsene, die in ihrer eigenen Kindheit Gewalt oder Vernachlässigung erlitten haben, sind nicht selten besonders stark in ihrer Wahrnehmung blockiert. Da sie nicht gelernt haben, sensibel auf ihre eigenen körperlichen Bedürfnisse zu achten, sind sie auch nicht in der Lage, die elementaren körperlichen Bedürfnisse ihrer Kinder wahrzunehmen. Das Risiko einer Gefährdung des Kindeswohls durch Vernachlässigung ist dann sehr groß.

Familien mit einem Vernachlässigungsrisiko sind in der Regel nur schwer zu erreichen. Die betroffenen Eltern empfinden starke Scham- und Schuldgefühle und geraten leicht in eine Außenseiterposition. Sie können oder wollen oft keine Hilfe und Unterstützung suchen. Stadtteilbezogene und niederschwellig angelegte Angebote, die von Müttern, Vätern und Kindern selbstverständlich und ohne negative Zuschreibungen genutzt werden können, bieten hier Hilfe und Orientierung. Zu berücksichtigen ist weiter, dass der Zugang zu Familien, in denen Kinder Gefahr laufen, vernachlässigt zu werden oder Vernachlässigung bereits erleben, nur schwerlich über das Thema "Vernachlässigung" erschlossen werden kann. Damit fehlt die Grundlage für die Inanspruchnahme bestimmter Leistungen und Angebote. Erschwerend kommt hinzu, dass die derzeit vorhandenen Einrichtungen für junge Familien ihre Angebote nicht ausreichend aufeinander abstimmen. So bleiben diese für die betroffenen Familien unüberschaubar und teilweise schwer zugänglich.

Frühe Hilfen für Familien sollten leicht erreichbar sein. Zentrale Angebotsformen von Modellprojekten zu Frühen Hilfen sind u.a. der Einsatz von Familienhebamme, Willkommensbesuche, Patenschaftsprojekte, Angebote zur Förderung elterlicher Beziehungs- und Erziehungskompetenz und spezifische Angebote für (hoch) belastete Eltern. Angebote zur Förderung der Erziehung in der Familie verzeichnen einen starke Nachfrage, der Markt an Elternbildungsangeboten (z.B. nach dem vom Deutschen Kinderschutzbund konzipierten Elternkurs "Starke Eltern - Starke Kinder®") boomt. Familien erfahren in diesen Projekten eigene Stärken und lernen, Krisen aktiv zu bewältigen und ihre Lebenssituation selbst zu verändern. Mit diesem Zugang wird den Familien nicht mehr die Rolle eines passiven Hilfeempfängers, sondern die aktiv gestaltender, kompetenter Subjekte zugeschrieben.

Durch das Bundeskinderschutzgesetz und die damit einhergehende Bundesinitiative wird der Auf- und Ausbau von Angeboten Früher Hilfen (insbesondere Familienhebammen) sowie der Auf- und Ausbau von Netzwerken in den Frühen Hilfen und im Kinderschutz gefördert. Im Rahmen der Netzwerkarbeit sollen sich Fachkräfte und Einrichtungen, die mit Kinderschutz in Berührung kommen, über ihre Angebote und Aufgaben austauschen und Verfahren aufeinander abstimmen (§ 3 Abs. 1 KKG) (siehe Prävention und Frühe Hilfen).

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen