Schutzfaktoren

In der Praxis ist in den vergangenen Jahren die Einsicht gewachsen, dass die Defizitorientierung betroffene Familien im Normalfall weiter schwächt. Sie wirkt stigmatisierend und bestärkt die Familien im Gefühl der eigenen Ohnmacht im Hinblick auf Veränderung. Ressourcenorientierung wurde im Zuge dessen zu einer Leitlinie der Sozialen Arbeit. Sie hat zum Ziel, unseren fachlichen Blick zu öffnen für vorhandene Selbsthilfepotentiale in den Familien, die dann in der Arbeit mit den Familien bewusst gemacht werden sollen und als Ansatzpunkte für gezielte Förderung und Unterstützung für die weitere Planung fungieren können.

Trotz dieses allgemein anerkannten Paradigmenwechsels sind wir in der alltäglichen Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien insbesondere bei besonders schweren Fällen nicht selten als Fachkräfte in der Gefahr, diese Ressourcen aus dem Blick zu verlieren. Ebenso wie Risikofaktoren sind in der Regel jedoch Faktoren vorhanden, die den Charakter von Ressourcen oder Schutzfaktoren haben. Diese können zeitweilig oder dauerhaft dazu beitragen, die negativen Wirkungen von Risikofaktoren zu senken. Welche Ressourcen und Schutzfaktoren die Wahrscheinlichkeit zukünftiger Vernachlässigungen oder auch Misshandlungen nachweislich vermindern, darüber liegt heute noch kaum gesichertes Wissen vor. Bekannt ist allerdings, dass insbesondere nachträgliche korrigierende positive Beziehungserfahrungen die schädigende Wirkung der genannten Risikofaktoren deutlich mindern können (vgl. Kindler 2006).

Ungeachtet der Begrenztheit wissenschaftlich abgesicherter Daten ist in einer Risikoabwägung das Vorhandensein bzw. die Wirkung möglicher Ressourcen und Schutzfaktoren zu prüfen. Es gilt in Erfahrung zu bringen, welche Gegebenheiten in der Familie bzw. im Leben des Kindes aktuell der Entwicklung des Kindes zuträglich sind und daher gegebenenfalls die negativen Auswirkungen der Risikofaktoren mindern bzw. welche Ansatzpunkte es für gezielte Hilfeangebote zur weiteren Verbesserung der Lebensbedingungen gibt.

Zu berücksichtigende Bereiche und Aspekte

Eine vorhandene Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit von Eltern
kann eingeschätzt werden in Bezug auf

  • die (Un-)Zufriedenheit der Eltern mit der gegenwärtigen Situation,
  • deren Selbstvertrauen und eine realistische Hoffnung auf Veränderung,
  • deren Haltung gegenüber der Vernachlässigung,
  • deren Geschichte von Inanspruchnahme und Wirkung von Hilfen und
  • dem Profitieren von verfügbarer Hilfe.

Kindliche Ressourcen und Schutzfaktoren
können ggf. Kinder und Jugendliche bei der Bewältigung belastender Entwicklungsbedingungen unterstützen – die Folgen schwerer Vernachlässigung auffangen können sie gleichwohl nicht. Schutzfaktoren können sein:

  • positive soziale Beziehungen des Kindes in einem oder mehreren Lebensbereichen, insbesondere zu engen erwachsenen Bezugspersonen (z. B. dem anderen Elternteil oder Ersatzeltern innerhalb der Familie, wie Großeltern, Tante oder Onkel)
  • Stärken in der Schule, besonders sportliche, handwerkliche oder technische Fähigkeiten bzw. Erfahrungen von Kompetenz und Selbstwirksamkeit, z. B. positive und sinnvolle Freizeitinteressen
  • psychische und emotionale Stärken oder auch eine positive emotionale Beziehung zu einem anderen kompetenten Erwachsenen (z. B. Verwandte, Lehrer), die auch als Modell für die Problembewältigung fungieren können
  • gute Lern- und Anpassungsfähigkeit bzw. gute soziale Problemlösung, Intelligenz
  • und/oder ein robustes, aktives, kontaktfreudiges, offenes oder ausgeglichenes Temperament

Mit zunehmendem Alter kann es Kindern gelingen, solche psychischen und sozialen "Schutzsysteme" als protektive Beziehungen und günstige Entwicklungsbedingungen auch außerhalb der Familie zu suchen.

Auch die Verfügbarkeit sozialer Unterstützung durch weitere Familienangehörige und/oder Nachbarschaft stellt eine Ressource dar. Zu nennen sind hier aber auch Jugendhilfemaßnahmen, die zur Stärkung der Ressourcen in der Familie und/oder beim Kind beitragen können.

zurück

zurück

Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen