Gesundheitshilfe

Allgemein gilt, dass gerade in Familien mit sozialen, wirtschaftlichen und psychischen Notlagen die gesundheitlichen Risiken und Defizite von Kindern wachsen. Dies zeigt sich zum Beispiel in einer höheren Rate von Frühgeburten, einer höheren Säuglingssterblichkeit, vermehrten Infektionskrankheiten, einer höheren Unfallhäufigkeit und häufigeren Krankheiten durch Mangel- und Fehlernährung. Wirken sich die Belastungen der Familien dahingehend aus, dass die Eltern, auch gemessen an den Grundbedürfnissen der Kinder, keine ausreichende Bedürfnisbefriedigung sicherstellen, so wächst die Wahrscheinlichkeit einer massiven Beeinträchtigung der körperlichen und seelischen Gesundheit der betroffenen Mädchen und Jungen.

Daraus ergibt sich die Forderung, dass der öffentliche Gesundheitsdienst stärker in die präventive Arbeit der helfenden Institutionen eingebunden wird. Zu diesem Zweck beschloss die Jugendministerkonferenz 2006 eine bessere Vernetzung der verschiedenen Einrichtungen. Diese sollten die "vielfach begrenzten Kenntnisse im Gesundheitswesen und der Kinder- und Jugendhilfe über die Relevanz der Daten des jeweils anderen Bereichs" durch einen verstärkten fachlichen Austausch der Disziplinen überwinden. Die Jugendministerkonferenz hält es weiter für geboten, "dass Gesundheitswesen und Kinder- und Jugendhilfe systematischer zusammenarbeiten, um die Kindergesundheit zu fördern. Die Koordinierung der Akteurinnen und Akteure beider Bereiche auf der örtlichen Ebene sollte bei den Gesundheitsämtern und den Jugendämtern liegen". Sie plädiert dafür, "Maßnahmen zu ergreifen, die die Beteiligung an den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder steigern, weil die Untersuchungen eine gute Möglichkeit bieten, Krankheiten und manifeste Entwicklungsstörungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Beratung, Förderung und Therapie einleiten zu können. (...) Dabei sollten vor allem die Zielgruppen mit besonders niedriger Beteiligungsquote angesprochen werden" (Beschluss der Jugendministerkonferenz am 18./19.5.2006 in Hamburg), d. h. auch und gerade Familien mit einer Vernachlässigungsproblematik.

Gesundheitskonferenzen sind mittlerweile für jede Kommune zur Verpflichtung geworden. In jüngster Vergangenheit sind vielerorts daraus lokale Netzwerke zwischen Gesundheitshilfe und Kinder- und Jugendhilfe entstanden, die mit Blick auf das Problemfeld Kindesvernachlässigung diesen genannten Forderungen der Jugendministerkonferenz Rechnung tragen. Eine bundesweite Bestandsaufnahme zum Ausbau der Systeme Früher Hilfen zeigt, dass die Mehrheit der Jugend- und Gesundheitsämter an Netzwerken beteiligt ist (vgl. Sann & Landua 2010). Solche Netzwerke sind nicht nur bei gesundheitlichen Gefährdungen betroffener Kinder von großer Bedeutung, sondern auch deshalb, weil die Akteure des Gesundheitswesens (Ärzte und Ärztinnen, Hebammen, Krankenschwestern, Kinderkrankenschwestern, Geburtskliniken, Gesundheitsämter etc.) in der Regel einen leichteren und früheren Zugang zu Familien und Kindern haben. Ihr Auftrag scheint eindeutiger, weniger stigmatisierend und weniger angstauslösend, als dies bei der behördlichen Jugendhilfe der Fall ist. Insbesondere Angebote für Eltern mit Säuglingen und Kleinkindern sind häufig im Schnittstellenbereich zwischen Jugend- und Gesundheitshilfe angesiedelt. Eine gute Kooperation zwischen den beteiligten Fachkräften und Institutionen kann reibungslose Übergänge fördern. Familienhebammen, die neben der medizinischen Betreuung auch psychosoziale Unterstützung geben, können beispielsweise eine Brückenfunktion zwischen Jugend- und Gesundheitshilfe ausüben.

Nicht zu vernachlässigen ist auch der Blick auf die Arbeit mit suchtkranken oder psychisch kranken Eltern und ihren Kindern. Aufgrund der spezifischen Lebens- und Problemlagen werden hier besondere Anforderungen an interinstitutionelle Kooperation im Kinderschutz gestellt (vgl. Meysen 2008). Angebote und Maßnahmen der Gesundheits- und Jugendhilfe können und sollten aufeinander abgestimmt werden, um die Eltern in ihrer Elternrolle zu stärken und die Kinder zu schützen.

Es wird in Zukunft darauf ankommen, interdisziplinäre Handlungskonzepte weiter zu entwickeln, flächendeckend umzusetzen und Stolpersteinen in der Kooperation fortlaufend entgegenzuwirken.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen