Prävention und Frühe Hilfen

Die Prävention von Vernachlässigung setzt einen möglichst frühen Zugang zu Familien mit kleinen Kindern und Säuglingen voraus. Einrichtungen und Dienste außerhalb der Jugendhilfe, die Kontakt zu "jungen" Familien haben, sind die Dienste der Gesundheitshilfe, also Ärzte und Ärztinnen, (Familien-)Hebammen, Krankenhäuser, aber auch Einrichtungen der Familienbildung sowie der Selbsthilfe. Für einen weiteren Zugang sind niederschwellige, nicht stigmatisierende Angebote wichtig, die sich auch nicht ausschließlich an potentiell vernachlässigende Familien richten. Das Angebot an Unterstützungs- und Entlastungsleistungen für Familien, gerade mit kleinen Kindern, braucht eine sozialräumliche Orientierung (z.B. zuverlässige Kinderbetreuungs-möglichkeiten für Kinder unter drei Jahren).

Aus dem Bereich der Forschung (Neurobiologie, Bindungsforschung) wissen wir, wie wichtig ein zuverlässiges Beziehungsangebot besonders für kleine Kinder ist. Auch gibt es mittlerweile Erfahrungen, die beweisen, dass frühzeitige Information, Hilfe und Unterstützung bei ersten Schwierigkeiten in der Erziehung kleiner Kinder häufig nur kurzfristige Interventionen oder Beratungen notwendig machen. Gerade Eltern mit sehr kleinen Kindern haben in der Regel eine hohe Motivation zur Veränderung.

Die Prävention von Kindesvernachlässigung muss interdisziplinär geleistet werden, da gerade die Altersgruppe, die von Vernachlässigung am massivsten bedroht ist, die Gruppe der Null- bis Dreijährigen (aber auch noch die der Drei- bis Sechsjährigen), von Einrichtungen der Jugendhilfe – mit Ausnahme von Kindertagesstätten – nur selten erreicht wird. Darüber hinaus ist zu prüfen, welche Personen und Institutionen im Stadtteil den Zugang zu den gefährdeten Familien am leichtesten herstellen können, welche Kompetenzen und Qualifikationen diese Personen benötigen und wie die Angebote für Familien mit kleinen Kindern im Stadtteil zu vernetzen sind. Stellt sich beispielsweise beim ersten Kontakt zur Gesundheitshilfe ein weiterführender Hilfebedarf heraus, ist die Jugendhilfe mit ihren vielfältigen Beratungs- und Unterstützungsleistungen zuständig. Hierbei gilt es, zwischen beiden Systemen reibungslose Übergänge zu schaffen.

Das Personal der Jugend-, Sozial- und Gesundheitshilfe muss entsprechend ausgebildet und für dieses Thema sensibilisiert sein. Vernachlässigung muss deshalb in der Ausbildung von Hebammen, Erzieherinnen und Erziehern thematisiert werden.

Definition

Mit dem Bundeskinderschutzgesetz wurde eine Definition der Frühen Hilfen mit bundesgesetzlicher Verbindlichkeit eingeführt. Nach § 1 Abs. 4 Satz 2 KKG handelt es sich bei den Frühen Hilfen um ein möglichst frühzeitiges, koordiniertes und multiprofessionelles Angebot im Hinblick auf die Entwicklung von Kindern vor allem in den ersten Lebensjahren für (werdende) Mütter und Väter.

Der Gesetzgeber bezieht sich auf die Begriffsbestimmung des wissenschaftlichen Beirats des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) vom 26.06.2009:

"Frühe Hilfen bilden lokale und regionale Unterstützungssysteme mit koordinierten Hilfsangeboten für Eltern und Kinder ab Beginn der Schwangerschaft und in den ersten Lebensjahren mit einem Schwerpunkt auf der Altersgruppe der 0- bis 3-Jährigen. Sie zielen darauf ab, Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern und Eltern in Familie und Gesellschaft frühzeitig und nachhaltig zu verbessern. Neben alltagspraktischer Unterstützung wollen Frühe Hilfen insbesondere einen Beitrag zur Förderung der Beziehungs- und Erziehungskompetenz von (werdenden) Müttern und Vätern leisten."

Dabei umfassen die Frühen Hilfen allgemeine Angebote für Familien im Sinne der Gesundheitsförderung (universelle/primäre Prävention) und spezifische Angebote für Familien in Problemlagen (selektive/sekundäre Prävention). Außerdem sollen die Frühen Hilfen dafür sorgen, dass Maßnahmen zum Schutz des Kindes ergriffen werden, wenn eine Gefährdung des Kindeswohls vorliegt. Die Hilfen sind "frühzeitig", da sie einerseits frühzeitig Risiken entgegenwirken und Krisen vorbeugen sollen und anderseits im Sinne einer biografischen Perspektive frühzeitig in den ersten Lebensjahren eines Kindes ansetzen (vgl. Schone 2010, S.4). Sowohl der Gesetzgeber als auch das NZFH betonen die Multiprofessionalität, die Notwendigkeit der Koordination der Angebote sowie die interdisziplinäre Kooperation und Vernetzung.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen