3. Schritt: Handeln

Sprechen Sie mit einer Kollegin/einem Kollegen oder mehreren die nächsten Schritte ab. Als Person, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, haben Sie gegenüber dem Jugendamt auch Anspruch auf eine fachliche Beratung durch eine Kinderschutzfachkraft. Beziehen Sie das Kind und die Eltern mit ein. Wenn alle Ihre Bemühungen nicht zu einer Verbesserung der Situation des Kindes führen, informieren Sie das Jugendamt.

Zusammenwirken mehrerer Fachkräfte

Sprechen Sie mit einer Kollegin/einem Kollegen oder mehreren die nächsten Schritte ab: Es ist normal, in der Einschätzung einer Kindesvernachlässigung unsicher zu sein. Können die Unsicherheiten in der eigenen Einrichtung nicht ausgeräumt werden, sollte man sich einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter eines anderen Dienstes (auch im Sinne des § 8a Abs. 4 SGB VIII und § 4 Abs. 2 KKG: Hinzuziehung einer insoweit erfahrenen Fachkraft/Kinderschutzfachkraft) anvertrauen und mit ihnen die eigenen Beobachtungen und Reflexionen besprechen. Als Person, die beruflich mit Kindern und Jugendlichen zu tun hat, haben Sie gegenüber dem Jugendamt Anspruch auf eine entsprechende fachliche Beratung. Zu prüfen ist die Dringlichkeit der Gefährdungssituation. Zudem ist eine Gefährdungseinschätzung vorzunehmen, die auch die zukünftige Entwicklung des Kindes in den Blick nimmt. Wenn ein großes Risiko für das Kind besteht, müssen Sie schnell handeln. Es ist nicht einfach, ungelöste Situationen auszuhalten. Dazu brauchen Sie Unterstützung. Ihre Aufmerksamkeit für die Belange des Kindes ist bereits eine Form der Hilfe. Machen Sie einen Zeitplan.

Einbeziehung des Kindes und der Eltern

Sprechen Sie mit dem Kind und mit den Eltern über Ihre Eindrücke und Ihre Sorgen. Bringen Sie Ihre Wahrnehmungen zum Ausdruck, sprechen Sie die Eltern aber gleichzeitig auch positiv an und interessieren Sie sich für deren Situation. Bieten Sie Unterstützung an und zeigen Sie weitere Hilfemöglichkeiten auf. Lassen Sie sich aber auch Ihre Wahrnehmungen nicht "weg reden". Seien Sie vorbereitet auf negative Reaktionen: "Was geht Sie das an?" –"Ist doch alles nicht so schlimm!" – "Wir hatten es früher auch nicht besser!" – "Das regelt sich schon wieder von alleine!"

Entwickeln Sie – möglichst gemeinsam mit den Eltern oder engen Bezugspersonen des Kindes – Schritte zur Veränderung. Bringen Sie sich dabei selbst mit ein. Übernehmen Sie auch einen Teil der Lösungsaufgaben. Treffen Sie Vereinbarungen und Absprachen. Bleiben Sie "dran", verfolgen Sie, ob Abmachungen eingehalten werden und es dem Kind besser geht. Daraus entwickelt sich ggf. ein Schutzplan für das Kind, der je nach Einschätzung und Bedarf Maßnahmen der sozialen Dienste und anderer Facheinrichtungen einbezieht. Sie dürfen nicht resignieren oder zum "Alltag" zurückkehren. Auch wenn es jetzt komplizierter, aufwendiger und zeitraubender wird: Erinnern Sie sich an Ihre Verantwortung, an Ihre Wahrnehmungen und an die Notlage des Kindes.

Durch das Bundeskinderschutzgesetz sind auch Berufsgruppen, z. B. Lehrerinnen und Lehrer, Ärzte und Ärztinnen, Hebammen, Berufspsychologinnen und -psychologen, Beraterinnen und Berater, dazu angehalten, Anhaltspunkten für eine Kindeswohlgefährdung nachzugehen (vgl. § 4 KKG).

Mitteilung an das Jugendamt

Wenn alle Ihre Bemühungen nicht zu einer Verbesserung der Situation des Kindes führen, weil die Eltern angebotene Hilfen nicht annehmen (können) oder die Hilfen zur Gefahrenabwendung nicht ausreichen, informieren Sie das Jugendamt.

Bedenken Sie auch: Die Hilfen, die ein vernachlässigtes Kind und dessen Familie benötigen, sind unter Umständen sehr differenziert und zeitintensiv. Sie können meistens nicht von einer Person oder Einrichtung erbracht werden.

Informieren Sie sich über spezielle Hilfeeinrichtungen und Behörden. Wirksame Hilfestellungen für das Kind und die Familie müssen abgestimmt sein. Dies kann nur gelingen, wenn sich die Beteiligten kennen, wenn Kontakte gepflegt und gemeinsame Ziele vereinbart werden.

Die Information des Jugendamtes sollte zwar grundsätzlich mit dem Einverständnis der Eltern des Kindes erfolgen. Es kann aber auch ohne dieses Einverständnis einbezogen werden, wenn das Wohl des Kindes aufs höchste gefährdet ist, also wenn

  • das aktuelle Ausmaß der Beeinträchtigungen die sofortige Herausnahme des Kindes aus seiner häuslichen Umgebung erfordert, weil eine akute Gefahr für die Gesundheit, das Leben und die seelische und geistige Entwicklung des Kindes droht,
  • die Eltern nicht willens oder in der Lage sind, mit den Helferinnen und Helfern zu kooperieren oder
  • die angebotenen Hilfen nicht ausreichen bzw. Hilfen zur Erziehung beantragt werden müssen.

Die Jugendämter sind zu einer individuellen Hilfeplanung nach dem SGB VIII (Kinder- und Jugendhilfegesetz) verpflichtet. Dazu gehört auch die Durchführung von Hilfeplangesprächen, an denen die betroffenen Familienmitglieder und ggf. weitere Fachkräfte anderer Dienste beteiligt sein sollen.

Wenn das Jugendamt informiert wird, muss dies nach § 4 Abs. 3 KKG im Regelfall vorher den Eltern mitgeteilt werden ("vielleicht gegen den Willen der Eltern aber nicht ohne ihr Wissen"). Damit wird dem überragend wichtigen Transparenzgebot im Kinderschutz Rechnung getragen.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen