Trans-Identität bei Kindern und Jugendlichen: Kindeswohl und Kindeswille

20. Februar 2020

Der Deutsche Ethikrat hat am 19. Februar 2020 im Rahmen der öffentlichen Abendveranstaltung "Forum Bioethik" die ethischen Aspekte eines angemessenen gesellschaftlichen und medizinischen Umgangs mit Trans-Identität bei Kindern und Jugendlichen diskutiert.

Welche medizinischen und psychotherapeutischen Angebote sind angemessen?
Nach Angaben von Beratungsstellen in Deutschland ist die Anzahl derjenigen Kinder und Jugendlichen, die ihre empfundene geschlechtliche Identität im Widerspruch zu der ihnen zugeschriebenen Geschlechtszugehörigkeit wahrnehmen, in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Kritisch diskutiert wird, welche Konsequenzen daraus zu ziehen sind und insbesondere welche medizinischen und psychotherapeutischen Angebote angemessen sind.

Im Mittelpunkt des Forums standen die Auseinandersetzungen über unterschiedliche Herangehensweisen sowie die Herausforderungen, die sich für die betroffenen Kinder und Jugendlichen sowie ihre Eltern aus medizinischer, psychologischer, ethischer und rechtlicher Sicht ergeben.

Wie sind Kindeswohl und Kindeswille in diesem Zusammenhang zu interpretieren?
Neben der wissenschaftlichen Evidenz, die jeweils für oder gegen bestimmte Behandlungsangebote spricht, wurden Nutzen und Schaden von Handeln bzw. Unterlassen aus ethischer Perspektive diskutiert. Zudem erfordert die besondere Vulnerabilität von Kindern und Jugendlichen eine eigene rechtliche Einordnung. Wie sind Kindeswohl und Kindeswille in diesem Zusammenhang zu interpretieren? Unter welchen Umständen sind Minderjährige rechtlich und ethisch befugt, Entscheidungen über die Gabe von Pubertätsblockern bzw. gegengeschlechtlichen Hormonen zu treffen?

Empfehlungen des Ethikrats

Die Ursachen des deutlichen Anstiegs der Zahl der Behandlungs- und Beratungssuchenden, unter diesen ein hoher Anteil von (nach ihrem Geburtsgeschlecht) weiblichen Jugendlichen, sind umstritten und bedürfen dringend weiterer Klärung. Auch die langfristigen Auswirkungen medizinischer Behandlungen müssen weiter untersucht werden, um die schwierigen prognostischen Entscheidungen auf eine bessere empirische Basis zu stellen.

Der Deutsche Ethikrat weist aber schon jetzt zumindest auf die folgenden ethischen Grundsätze als Orientierung bei der Begleitung und Behandlung hin:

  • Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst auch das Recht, ein Leben entsprechend der eigenen, subjektiv empfundenen geschlechtlichen Identität zu führen und in dieser Identität anerkannt zu werden.
  • In allen Entscheidungsprozessen muss das Kind gehört und müssen seine Vorstellungen und Wünsche seiner Reife und seinem Alter entsprechend berücksichtigt werden. Diese Regel erhält umso mehr Gewicht, als es hier um Fragen der persönlichen Identität geht, über die die betroffene Person in letzter Konsequenz selbst zu entscheiden hat.
  • Die therapeutische Interaktion mit dem Kind muss so gestaltet sein, dass es an die mit zunehmendem Alter folgenreicher werdenden Entscheidungen herangeführt wird. Die Sorge tragenden Eltern und die behandelnden Personen haben die Aufgabe, das Kind dabei bestmöglich zu unterstützen.
  • Ist das Kind hinreichend einsichts- und urteilsfähig, um die Tragweite und Bedeutung der geplanten Behandlung zu verstehen, sich ein eigenes Urteil zu bilden und danach zu entscheiden, muss sein Wille maßgeblich berücksichtigt werden. Ohne seine Zustimmung oder gar gegen seinen Willen – allein aufgrund der Einwilligung seiner Eltern – darf das Kind dann nicht behandelt werden.
  • Nutzen und Schaden der medizinisch-therapeutischen Maßnahmen, die im Einzelnen umstritten sind, müssen in jedem individuellen Fall sorgfältig abgewogen werden. Wie die Risiken, (Neben-)Wirkungen und langfristigen Folgen (einschließlich möglicher Infertilität), die dem/der Minderjährigen durch aktives medizinisch-therapeutisches Eingreifen entstünden, müssen auch solche berücksichtigt werden, die durch das Unterlassen von Maßnahmen drohen. Gerade angesichts der Streitigkeit einzelner Handlungsoptionen haben Betroffene und ihre Eltern einen Anspruch auf eine ausgewogene Beratung und Aufklärung.
  • Ein entstigmatisierender Umgang mit Trans-Identität bei Kindern sollte gefördert und einer diskriminierenden Pathologisierung von Geschlechtsinkongruenz entgegengewirkt werden. Entsprechende Angebote psycho-sozialer Beratung und deren Kooperation mit medizinischen Einrichtungen sollen gestärkt werden.

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Die Vorträge und Diskussionsbeiträge inklusive Mitschnitt sowie die Adhoc-Empfehlungen stehen auf der Website des Ethikrats zur Verfügung.

Deutscher Ethikrat, 18.02.2020

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
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