Auch Väter tragen Verantwortung!

Eine Besonderheit in der Wahrnehmung von Vernachlässigung besteht darin, dass Versorgungsaufgaben für kleine Kinder zumeist den Müttern zugeschrieben werden. Und so sind es denn auch zumeist die Mütter, die die von ihnen erwarteten und aus Sicht des Kindes auch erforderlichen Erziehungs- und Versorgungsleistungen nicht erbringen und die es nicht schaffen – oft wegen des Zusammenwirkens ökonomischer, sozialer, seelischer und familiärer Krisen –, ausreichend für ihr Kind oder ihre Kinder zu sorgen.

Die den Müttern gesellschaftlich zugewiesene Rolle macht sie zu den primär Verantwortlichen bzw. zu den "Opfern" der Zuschreibung von Verantwortung, die von ihnen nicht eingelöst wird. Die Väter sind oft nicht im Blick, meist schon längst nicht mehr da. Obwohl sie vor dem Gesetz gleichermaßen sorgeverpflichtet sind, können sie sich durch Flucht sowohl der Verantwortung als auch gleichzeitig damit dem Vorwurf der Kindesvernachlässigung entziehen. Das funktioniert selbst dann, wenn sie das Mindeste, den Unterhalt für das Kind, nicht mehr leisten. Übrig bleiben meist nur die Mütter. Sie sind – das darf man bei allem nicht vergessen – die Letzten, die überhaupt noch Verantwortung für die Kinder übernehmen, selbst wenn sie diese Aufgabe nicht wirklich bewältigen können. Die Tragik liegt darin, dass die Mütter aufgrund dieser letzten – wenn auch nicht gelingenden – Verantwortungsübernahme überhaupt als Vernachlässigerinnen definiert und identifiziert werden können. Hieraus eine Täterinnenrolle zu konstruieren, wie es heute oft passiert, bringt diese Situation in eine Schieflage. Zudem verschleiern solche Vorwürfe die gesellschaftliche Verantwortung für individuell nicht mehr beherrschbare Lebenssituationen.

Nach gesellschaftlich vorherrschender Auffassung haben insbesondere die Mütter die Versorgung der Kinder sicherzustellen. Väter werden nicht in gleicher Weise zur Verantwortung gezogen. Dies trifft nicht nur auf die Fälle zu, in denen die Mütter die alleinige Sorge für ihre Kinder aufgrund von Trennung und Scheidung haben. In Vernachlässigungsfamilien ist es häufig so, dass die Väter sich entziehen. Mütter und Väter tragen Verantwortung. Hier ist ein Umdenken erforderlich.

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Beispiel

Berlin (rpo). Beamte des Landeskriminalamts haben in einer Wohnung in der Schäferstraße in Spandau drei vernachlässigte Kinder entdeckt. Die Jungen im Alter von zwei, drei und sieben Jahren seien unter "katastrophalen" hygienischen Zuständen untergebracht gewesen, sagte ein Polizeisprecher.

Auf den Fall aufmerksam geworden seien Mitarbeiter eines Krankenhauses. Dort sei der 45-jährige Vater der Kinder mit Schnittver-letzungen erschienen, die er sich nach eigenen Angaben beim Basteln mit seinen Kindern zugezogen habe. Er habe behauptet, dass sich eine Nachbarin um diese kümmere und das Jugendamt nicht informiert werden müsse.

Aufgrund dieser Aussagen verständigten die Mitarbeiter das Amt, wie die Polizei weiter mitteilte. Weil die angebliche Nachbarin nicht öffnete, wurden die Polizeibeamten gerufen. Wie sich herausstellte, war die 42-jährige "Nachbarin" die Mutter der Kinder. Sie gab an, ein Pflegefall zu sein. Da die Frau erhebliche Entzündungen am Körper hatte, wurde sie in ein Krankenhaus gebracht. Das Jugendamt nahm die Kinder in Obhut. Die Polizei ermittelt nach Worten des Sprechers gegen die Eltern wegen Verletzung der Fürsorgepflicht. (RP online 18.11.2005)

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Familien in Niedersachsen