1. Schritt: Zeichen erkennen, Informationen aufnehmen

Sie betreuen ein Kind oder haben Kontakt zu einem Kind und machen sich Sorgen, weil es Symptome von Vernachlässigung zeigt. Was können Sie tun? Beobachten Sie genauer und häufiger. Bedenken Sie, dass Vernachlässigung kein einmaliger, sondern ein sich wiederholender Vorgang ist. Halten Sie Ihre Beobachtungen schriftlich fest, um sich darüber klar zu werden, ob Ihre Sorge begründet oder eher unbegründet ist. Führen Sie Buch über Ihre Beobachtungen. Denken Sie daran, dass Sie durch Ihre Wahrnehmung Verantwortung übernehmen wollen und sollen!

Lesen Sie noch einmal aufmerksam die zuvor beschriebenen Symptome von Vernachlässigung durch. Beobachten Sie, ob folgende Erscheinungen zutreffen:

  • Schlaf-, Ess- und Schreiprobleme,
  • nicht zu übersehende Ernährungs- oder Gesundheitsprobleme,
  • ein deutliches Unter- oder Übergewicht,
  • Gedeihstörungen,
  • unzureichende Pflege, Kleidung oder Hygiene,
  • deutliche Entwicklungsverzögerungen,
  • Verhalten, das auffällig aktiv, nervös oder verschüchtert, passiv/apathisch, distanzlos oder besonders aggressiv erscheint.

Gehen Sie, bezogen auf Säuglinge und Kleinkinder, auch folgende "Leitfragen zur Kindeswohlgefährdung im Säuglingsalter" der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Hannover durch:

Leitfragen zur Kindeswohlgefährdung im Säuglingsalter

Ausreichende Körperpflege

  • Trifft man das Kind ständig in durchnässten, herabhängenden Windeln an?
  • Sind größere Teile der Hautoberfläche entzündet?
  • Finden sich regelmäßig Dreck- und Stuhlreste in den Hautfalten (Genital- und Gesäßbereich)?

Geeigneter Wach- und Schlafplatz

  • Liegt ein Kind tagsüber stundenlang in einem abgedunkelten oder künstlich beleuchteten Raum und bekommt kaum Tageslicht?
  • Sind Matratzen und Kissen ständig nass und muffig?
  • Liegt das Kind immer in der Wippe, der Tragetasche oder im Bett?

Schützende Kleidung

  • Bietet die Kleidung hinreichend Schutz vor Hitze, Sonne, Kälte und Nässe?
  • Ist das Kind der Jahreszeit entsprechend gekleidet oder wird es oft schwitzend oder frierend angetroffen?
  • Ist die Bewegungsfreiheit des Kindes in seiner Kleidung gewährleistet oder ist es zu eng eingeschnürt, sind Kleidungsstücke zu klein oder viel zu groß?

Altersgemäße Ernährung

  • Gibt es eine stete Gewichtszunahme (Gewichtskurve im Vorsorgeheft)?
  • Bekommt der Säugling überalterte oder verdorbene Nahrung?
  • Reicht die Flüssigkeitsmenge?
  • Sind hygienische Mindeststandards (Reinigung der Flasche) gewahrt?

Behandlung von Krankheiten und Entwicklungsstörungen

  • Ist das Recht des Kindes auf Vorsorge (z.B. Impfungen) gewährleistet?
  • Werden Krankheiten des Kindes nicht oder spät erkannt und / oder wird die Behandlung verweigert?
  • Werden Entwicklungsverzögerungen oder Behinderungen nicht erkannt und / oder unsachgemäß behandelt?

Schutz vor Gefahren

  • Wird das Kind z.B. ohne Aufsicht auf den Wickeltisch oder in die Badewanne gesetzt?
  • Wird das Kind für sein Alter zu lange allein gelassen?
  • Werden Gefahren im Haushalt übersehen (defektes Stromkabel, Steckdosen, für das Kind zugängliche Medikamente / Alkohol, ungesicherte Treppen, gefährliches Spielzeug etc)?
  • Sind Eltern durch psychische Beeinträchtigungen, Suchtabhängigkeit, o.ä. in ihrer Wahrnehmung getrübt oder in ihrer Verantwortungsfähigkeit eingeschränkt?

Zärtlichkeit, Anerkennung und Bestätigung

  • Wird das Kind beim Füttern in den Arm genommen oder bekommt es lediglich die Flasche, die es alleine trinken muss?
  • Erfolgt das Wickeln grob und ohne Ansprache?
  • Wird das Kind bei Krankheit oder Verletzung Trost verweigert?
  • Wird der Säugling bei unerwünschtem Verhalten (z.B. Strampeln beim Wickeln) gezüchtigt, geschlagen, gekniffen, geschüttelt usw.?

Sicherheit und Geborgenheit

  • Bleibt das Kind trotz anhaltenden Schreinen unbeachtet?
  • Ist das Kind einer gewalttätigen Atmosphäre ausgesetzt?
  • Machen die Eltern dem Säugling durch Anschreien, grobes Anfassen, Schütteln oder Schlagen Angst?

Individualität und Selbstbestimmung

  • Wird das Kind als Besitz betrachtet, über den man nach Belieben verfügen kann?
  • Wird mit dem Kind nur dann geschmust, wenn das eigene Bedürfnis nach Körperkontakt, Zuneigung und Zärtlichkeit befriedigt werden soll?

Ansprache

  • Wird nicht oder kaum mit dem Kind gesprochen?
  • Wird nicht oder kaum mit dem Kind gespielt?
  • Steht kein altersgerechtes Beschäftigungsmaterial für das Kind zur Verfügung?
  • Wir dem Kind kein ausreichender Körperkontakt angeboten?

Verlässliche Betreuung

  • Wird das Kind ständig verschiedenen Personen zur Betreuung überlassen?
  • Hat das Kind eine verantwortungsvolle Bezugsperson, die beabsichtigt, langfristig für das Kind zu sorgen?
  • Ist das Kind sozial isoliert, kommt es nie mit anderen Kindern / Erwachsenen in Kontakt?

Risikofaktoren in der familiären Situation

Falls Sie Informationen über die familiäre Situation des Kindes haben oder mit den Eltern oder Erziehungsberechtigten im Gespräch sind, achten Sie auf die Risikofaktoren in der Lebensgeschichte des Kindes. Liegt eine Häufung mehrerer der nun folgenden Risikofaktoren vor? Bitte bedenken Sie: Es handelt sich lediglich um Faktoren, die das Risiko der Vernachlässigung erhöhen. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber nicht, dass bei Vorliegen mehrerer dieser Faktoren eine Kindesvernachlässigung zwangsläufig gegeben ist.

Zur Situation der Eltern

  • selbst erlebte häufige Beziehungsabbrüche, Fremdunterbringung, Mangelerfahrungen in der Kindheit
  • ausgeprägt negative Emotionalität (leicht auszulösende, intensive Gefühle von Trauer und Niedergeschlagenheit) und hohe Impulsivität
  • hohe Neigung zu problemvermeidendem Verhalten
  • geringe Planungsfähigkeit
  • psychische Erkrankungen (z. B. depressive Störungen)
  • Suchterkrankungen

Zur Situation der Familie

  • anhaltende familiäre Armut (durch Arbeitslosigkeit etc.)
  • mangelnde soziale Unterstützung und Entlastung innerhalb und außerhalb der Familie
  • soziale Isolierung

Zur elterlichen Wahrnehmung kindlicher Bedürfnisse und Ressourcen

  • Unkenntnis von Pflege- und Fürsorgebedürfnissen von Kindern
  • Überschätzung kindlicher Selbsthilfepotentiale
  • Mangel an erzieherischer Kompetenz

zurück

zurück

Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen