Schutzkonzepte in Ein­rich­tungen der Behin­der­ten­hilfe – Fazit zum Modell­projekt OKEI!

13. Mai 2020

Kinderschutz-Zentrum-Oldenburg_LogoVon November 2016 bis Oktober 2019 hat das Kinderschutz-Zentrum Oldenburg das Modellprojekt "OKEI!" zur Entwicklung und Implementierung passgenauer Schutzkonzepte vor sexueller Gewalt in Einrichtungen der Behindertenhilfe durchgeführt. Das Projekt wurde aus Mitteln des Landes Niedersachsen gefördert. Nun liegt der Abschlussbericht vor. Die Online-Redaktion hat Mareike van 't Zet, Leiterin des Kinderschutz-Zentrums Oldenburg, und Jens Hudemann, Projektleiter, dazu befragt.

Das Kinderschutz-Zentrum Oldenburg begleitet schon seit 2010 Einrichtungen der Kinder-, Jugend- und Eingliederungshilfe bei der Entwicklung von Konzepten zum Schutz von Mädchen und Jungen vor sexualisierter Gewalt. Wie kam es zu diesem weiteren Modell-Projekt?

Mareike van 't Zet: Wir arbeiten schon seit zehn Jahren an der Entwicklung von Schutzkonzepten für Einrichtungen. Begonnen sind wir in Kooperation mit dem Kinderschutz-Zentrum Hannover mit Projekten zum Thema "sichere Orte". Damals war das Pionierarbeit, jetzt haben wir auch über die beiden Modellprojekte der letzten Jahre ein relativ fundiertes Wissen darüber, was nötig ist, um Einrichtungen auf dem Weg zu einer Kultur der Grenzachtung zu begleiten. Ein guter Zeitpunkt, um sich der Herausforderung zu stellen, auch Lebensorte, körperlich oder geistig beeinträchtigter Menschen zu sicheren Orten zu machen und diese auf dem Weg möglichst partizipativ und proaktiv daran teilhaben zu lassen

Das vom niedersächsischen Sozialministerium geförderte dreijährige Projekt OKEI!, in dem Erfahrungen zur Arbeit mit Einrichtungen der Behindertenhilfe, generiert, ausgewertet und anderen zur Verfügung gestellt werden können, kam auf diesem Hintergrund mehr als gelegen. Umso länger wir mit der Thematik befasst sind, desto deutlicher wird, wie relevant kompetente Unterstützung für Einrichtungen ist. Einen solch langfristigen Prozess neben der herausfordernden Alltagsarbeit effektiv zu organisieren und durchzuhalten ist an sich schon eine große Herausforderung. Belohnt werden Einrichtungen, aber mit substantiellen Verbesserungen in der Kultur, die nicht nur den Betreuten zu Gute kommt, sondern auch den Mitarbeitenden.

Inwiefern unterscheidet sich die Entwicklung und Implementierung von Schutzkonzepten für Einrichtungen der Behindertenhilfe von der für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe?

Jens Hudemann: Zunächst mal ist es wichtig zu wissen, dass das Risiko, Opfer von sexualisierter Gewalt zu werden, für Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen etwa dreimal so hoch ist, wie für Kinder und Jugendliche ohne Beeinträchtigungen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Das beginnt bei der oftmals mangelnden Wahrnehmung persönlicher Grenzen aufgrund einer fortwährenden Fremdbestimmung z.B. bei der Körperhygiene. Berührungen im Genitalbereich durch wechselnde Pflegekräfte gehören für viele Kinder und Jugendliche zu ihrem Alltag, wodurch es ihnen schwer fällt, fachlich notwendige Berührungen von übergriffigen Handlungen zu unterscheiden.

Hinzu kommen nicht selten Kommunikationsschwierigkeiten, die dazu führen, dass Signale von Grenzsetzungen oftmals nicht wahrgenommen werden.

Ein weiterer von vielen Aspekten ist außerdem die meist fehlende Sexualerziehung der Betroffenen. Sexualpädagogische Konzepte sind zwar auch in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe bis dato nicht überall vorhanden, Kinder und Jugendliche mit Beeinträchtigungen können sich Informationen über Sexualität aber häufig nicht selbständig besorgen und sind daher sehr auf Angebote angewiesen. Speziell stationäre Einrichtungen der Behindertenhilfe müssen daher sehr detaillierte Angebote zur Sexualerziehung vorhalten, die den Kindern und Jugendlichen Orientierung verschafft, einen positiven Zugang zur eigenen Sexualität zu finden und dabei eigene Grenzen und Grenzen Anderer wahrzunehmen und zu achten.

Einrichtungen der Behindertenhilfe sind also bezüglich der Entwicklung von Schutzkonzepten vor zusätzliche Herausforderungen gestellt.

Wie haben die teilnehmenden Einrichtungen die Schutzkonzepte umgesetzt? Welche Herausforderungen gab bzw. gibt es dabei?

Hudemann: Ein Schutzkonzept besteht ja aus vielen einzelnen Bausteinen, die alle ineinander greifen. Das beginnt mit einer Basissensibilisierung für Machtmissbrauch und Sexuelle Gewalt für alle Mitarbeitenden, also auch für nichtpädagogische Fachkräfte, die Kontakt zu den Kinder und Jugendlichen bzw. den Schutzbefohlenen haben. Dieser Baustein wurde durch Fortbildungen in den Einrichtungen umgesetzt. Nun ist es so, dass stationäre Einrichtungen unmöglich alle Mitarbeitenden zeitgleich in eine Fortbildung schicken können, da ja der Betrieb aufrechterhalten werden muss. Am OKEI!-Projekt nahmen aber nur stationäre Einrichtungen teil. Die Fortbildungen wurden entsprechend in mehreren Durchgängen durchgeführt. In drei Einrichtungen waren das aufgrund der Einrichtungsgröße jeweils fünf Fortbildungstage. In einzelnen Einrichtungen habe ich die Basissensibilisierung auch für in der Zwischenzeit neu eingestiegene Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wiederholt durchgeführt. Eine hohe Personalfluktuation kann also durchaus schon als eine Herausforderung gesehen werden.

Damit die Schutzkonzepte tatsächlich einrichtungsspezifisch entwickelt werden konnten, wurde im nächsten Schritt, ebenfalls mit allen Mitarbeitenden, eine Einrichtungsanalyse durchgeführt. Hierbei sollten neben den Stärken der Einrichtungen auch Risikosituationen für Machtmissbrauch und sexualisierte Übergriffe entdeckt und gesammelt werden, um danach die Entwicklung der einzelnen Bausteine des Schutzkonzeptes daran auszurichten. Die Ergebnisse wurden danach den Leitungen vorgestellt und den Teams transparent gemacht.

Alle weiteren Bausteine wurden dann in AGs durchgeführt und sollten dann von Steuerungs- und Arbeitsgruppen in den Einrichtungen weitererarbeitet werden. Im Einzelnen handelte es dabei um die Bausteine Partizipation, Beschwerdemanagement, Regelwerke zum Nähe-und-Distanz-Verhalten für Mitarbeitende, Ethischer Code bzw. Verhaltenskodex, Sexualpädagogische Angebote und Konzepte sowie Verfahrensplan zum Handeln bei Verdacht auf sexualisierte Gewalt durch Mitarbeitende.

Eine logistische Herausforderung ergab sich allein aus der Frage: "Wie kann es gelingen, Teams mit einer Größe von bis zu 160 Mitarbeitenden partizipatorisch in die Entwicklung der Bausteine einzubinden?" Diese Frage hat entscheidend die einzelnen Prozesse bestimmt, da es ja darum ging, nicht nur ein Konzept zu Papier zu bringen, sondern auch eine professionelle Haltung in der gesamten Einrichtung zu entwickeln, die von allen Mitarbeitenden mitgetragen und gelebt wird. Dies betrifft vor allem die Bausteine Regelwerke zum Nähe-und-Distanz-Verhalten, Partizipation und Beschwerdemanagement sowie das Sexualpädagogische Konzept, da diese erst durch spezifische kollektive Haltungen und Einstellungen der Mitarbeitenden ihre Wirkung entfachen.

Ich musste im Laufe des Modellprojektes OKEI! auch häufig feststellen, dass es kein Selbstläufer ist, immer ausreichend Mitarbeitende mit Energie und Einsatzbereitschaft für die Mitarbeit am Projekt zu gewinnen. Krankheitswellen, Überstunden und der Fakt, dass die Betreuung der Klientinnen und Klienten immer Vorrang vor der Konzeptentwicklung haben muss, machten es in bestimmten Phasen notwendig, den Druck aus der Konzeptentwicklung ein wenig herauszunehmen.

Während ich in den meisten Einrichtungen feststellen konnte, dass eine partizipatorische Grundhaltung heutzutage schon recht weit verbreitet ist, stellt das Arbeitsfeld "Sexualpädagogik" noch eine große Herausforderung dar und kann wohl als "Pionierarbeit" bezeichnet werden. Dafür war es von Bedeutung, dass die Mitarbeitenden sich zunächst mit ihrem eigenen Verständnis von Sexualität reflexiv auseinandersetzen und in diesem Bereich überhaupt "sprachfähig" werden. Von diesem Punkt bis zur Umsetzung professioneller sexualpädagogischer Angebote in den einzelnen Einrichtungen wird es noch ein langer Weg sein, der im Rahmen des Projektes nicht abzuschließen war.

Lassen sich die entwickelten Schutzkonzepte auf andere Einrichtungen übertragen? Welche Handlungsempfehlungen haben Sie aus den Erfahrungen mit dem Modellprojekt abgeleitet?

Hudemann: Die Handlungsempfehlungen für Einrichtungen sind in einem umfangreichen Abschlussbericht zum Modellprojekt OKEI! zusammengefasst, der demnächst veröffentlicht werden soll. Der zentrale Aspekt ist aber: Jede Einrichtung ist anders und bringt individuelle Herausforderungen mit sich. Daher ist es zu empfehlen, dass sich Träger und Leitungskräfte in einem ersten Schritt ausreichend Zeit nehmen, um die anstehenden Aufträge klar zu formulieren. Eine externe Begleitung im Sinne einer Organisationsentwicklung ist aus meiner persönlichen Sicht für den Prozess unabdingbar, allerdings sollte die Form und Intensität ebenfalls individuell vereinbart werden. Nicht jeder Schritt und jeder Baustein erfordert eine externe Begleitung. Für unabdingbar halte ich darüber hinaus, dass alle Mitarbeitenden zu den Themen Machtmissbrauch und sexualisierte Gewalt in Einrichtungen basissensibilisiert werden und dass eine fundierte Einrichtungsanalyse durchgeführt wird. Das bedeutet im Umkehrschluss: Der Abschlussbericht kann nicht als "Rahmenschutzkonzept" verstanden werden, das nur die jeweilige Einrichtung "umformuliert" werden muss. Haltung entwickelt sich nicht über schriftliche Vorlagen, sondern nur durch reflexive Auseinandersetzungs- und Entwicklungsprozesse.

Zudem ist es unabdingbar, die jeweiligen Strukturen einer Einrichtung zu berücksichtigen. Abläufe, Aufgabenverteilung, Räumlichkeiten, Kommunikationswege und andere strukturelle Aspekte sind in allen Einrichtungen sehr unterschiedlich.
Der Abschlussbericht geht auf die entscheidenden Punkte, auch mit Fallbeispielen, sehr detailliert ein.

Bietet das Kinderschutz-Zentrum Oldenburg nach Beendigung des Projekts auch anderen Einrichtungen Begleitung bei der Entwicklung und Implementierung von Schutzprojekten an? Oder sind Fortbildungen dazu geplant?

Hudemann: Ja, ich bin derzeit mit mehreren Organisationen in laufenden Entwicklungsprozessen. Die Nachfrage ist tatsächlich aber so hoch, dass wir nicht allen Anfragen zeitnah gerecht werden können. Derzeit basteln wir an Lösungen für einen soliden Arbeitsbereich, der dem Bedarf an Organisationsbegleitungen entgegenkommt.

zurück

zurück

Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen