Notmaßnahmen bei unmittelbar drohender Gefahr für das Kind

Zum Zeitpunkt des Praxisbesuchs meist keine unmittelbare Gefahr für das Kind

Bei Kindesmissbrauch und Kindesmisshandlung handelt es sich häufig um lang andauernde Prozesse, die möglicherweise eine hohe physische und psychische Gefährdung des Kindes mit sich bringen. Zum Zeitpunkt des Praxisbesuchs ist eine unmittelbar abzuwendende Gefahr für das Kind, von Ausnahmen abgesehen, meist nicht gegeben. Denn Praxisbesuche werden häufig in Zeiten verlegt, in denen Missbrauch oder Misshandlung für den Arzt nicht sogleich erkennbar ist. Um besonders in Krisensituationen angemessen zu reagieren, sollten Sie Ihr Verhalten an folgenden Überlegungen ausrichten:

  • Bei den meisten in der Arztpraxis vorgestellten Fällen von Missbrauch, Misshandlung und Vernachlässigung ist ein sofortiges Handeln nicht erforderlich.
  • Im Notfall - Gefahr für Leben, Suizidgefahr, Gefahr der unkontrollierbaren Gewaltbereitschaft, Eskalation von Familienkonflikten vor oder an Wochenenden - besteht immer die Möglichkeit des Einschaltens der Polizei

Abgestufte Reaktion auch im Gefahrenfall möglich

Selbst in den Fällen, die ein sofortiges Eingreifen erfordern, ist entsprechend der Gefahrenbewertung eine abgestufte Reaktion möglich:

  • Kontaktaufnahme mit dem Kommunalen oder Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes
  • Einbeziehung von Hilfeeinrichtungen mit Kriseninterventionsangeboten oder Unterbringungsmöglichkeiten für Kinder
  • Krankenhauseinweisung
  • Einschaltung der Polizei.

Die entsprechenden Maßnahmen sind gegenüber den Eltern bzw. den Begleitpersonen des Kindes eindeutig zu begründen ("Ich muss jetzt das Jugendamt anrufen, weil ...")

In der Praxis auftretende Krisenfälle können Sie durch einfache Maßnahmen entschärfen: z. B. ein kurzes Erstgespräch, die Bitte um Aufenthalt im Wartezimmer, die Ablenkung durch Zeitschriften oder andere Medien, eine zwischenzeitliche Informationseinholung bei einer Kollegin oder einem Kollegen oder Kooperationspartner, ein ausführliches Wiederholungsgespräch.

Sofern der Fall erstmalig in der Praxis vorstellig wird, ist das Einbeziehen weiterer Stellen aus Zeitgründen meist nicht möglich. In aller Regel kann die Gefährdungssituation auch noch nicht richtig abgeschätzt werden, so dass keine gewichtigen Anhaltspunkte vorliegen, die eine Einschaltung dritter Stellen rechtfertigen.

Gemeinsames Fallmanagement sichert Verfügbarkeit von Zweitmeinungen im Krisenfall

Häufiger ist eine Situation, bei der innerhalb einer längeren Betreuung der Fall plötzlich eskaliert. In diesem Fall kann eine Zweitmeinung dann zeitnah eingeholt werden, wenn der Fall bei einer Kollegin, einem Kollegen oder bei Kooperationspartnern bereits anonym oder namentlich bekannt ist. Die Voraussetzungen hierfür werden durch das gemeinsames Fallmanagement geschaffen. Ein gemeinsames Fallmanagement ist in diesem Sinne auch eine Vorbeugung für den Krisenfall in der Arztpraxis. Die Anonymisierung des Falls stellt eine Möglichkeit dar, sich ohne Verletzung der Schweigepflicht kompetenten Rat einzuholen. Zu beachten ist hierbei, dass eine Anonymisierung nicht immer dadurch erreicht wird, dass man den Namen der Betroffenen nicht nennt, da in manchen Fällen für die Identifizierung bereits die Schilderung der Umstände ausreichend sein kann.

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen