Psychischer Befund und Verhalten des Kindes

Die Erhebung des psychischen Befundes gehört üblicherweise weder in der Praxis noch in der Klinik zum diagnostischen Alltag.

Merkmale von misshandelten und vernachlässigten Kindern

In der Fachliteratur über Kindesmisshandlung wird ein Merkmal als typisch beschrieben: Das Kind zeigt eine "gefrorene Aufmerksamkeit" (frozen watchfulness). Es sitzt still auf seinem Platz und beobachtet seine Umgebung quasi aus den Augenwinkeln heraus, ohne sich zu bewegen. Es bewegt sich erst dann, wenn es sich unbeobachtet fühlt. Als weitere typische Symptome für misshandelte Kinder werden emotionale Störungen (anhaltende Traurigkeit, Ängstlichkeit, Stimmungslabilität und mangelndes Selbstvertrauen) und Schwierigkeiten im Sozialverhalten beschrieben. Die Kinder sind entweder auffallend ruhig und zurückgezogen oder aber besonders aktiv, unruhig und schwierig (Aggressivität, Distanzlosigkeit). Bei der Entwicklungsbeurteilung findet man häufig Rückstände in der Motorik und Sprache.

Manchmal geben misshandelte Kinder verschlüsselte Botschaften wie: "Hier gefällt es mir." oder "Ich gehe gern ins Krankenhaus.", die aussagen können, dass die Situation zu Hause schwer erträglich ist, ohne sie als solche zu benennen.

Manche Kinder, die in einer deprivierenden Umgebung leben, entwickeln sich in einer neuen Situation (z.B. während des Klinikaufenthaltes) rasch zum Positiven.

Auffälliges Verhalten des Kindes

Der Verdacht auf sexuellen Missbrauch entsteht manchmal durch auffälliges Verhalten des Kindes. Es zeigt inadäquates, sexualisiertes Verhalten oder nicht altersentsprechendes Wissen über Sexualität, das im Spiel oder in Zeichnungen dargestellt wird. Als Folge einer Missbrauchssituation kann eine plötzliche Verhaltensveränderung ohne ersichtlichen Grund entstehen. Kinder meiden das Alleinsein mit einer bestimmten Person oder haben einen Schulleistungsknick, häufig verbunden mit sozialem Rückzug (internalisierendes Verhalten) oder unangemessener Aggressivität (externalisierendes Verhalten).

Seelische Gewalt

Diagnose nur durch Verhaltensauffälligkeiten

Seelische Gewalt und psychische Vernachlässigung können üblicherweise durch Verhaltensauffälligkeiten und durch mögliche Entwicklungsstörungen diagnostiziert werden. Verhaltensauffälligkeiten sind allerdings nicht spezifisch für Misshandlung, sie können viele Ursachen haben. Es gibt kein eindeutiges Merkmal und kein gesichertes diagnostisches Instrument, um seelische Gewalt zu erkennen. Hilfreich ist am ehesten eine ruhige Exploration des Kindes in vertraulicher Situation. Es ist jedoch möglich, zumindest einen Verdacht zu erhärten. In der Literatur werden eine Vielzahl von diagnostischen Hinweisen auf seelische Misshandlung gegeben, wenn organische Ursachen ausgeschlossen sind. Die meisten dieser Symptome sind auch bei sexuellem Missbrauch zu beobachten oder gehen mit körperlicher Gewalt einher (Eggers, 1994).

Zur Diagnostik kann ein Kinder- und Jugendpsychiater oder ein psychologischer Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut hinzugezogen werden.

Symptome bei seelischer Gewalt

Säuglingsalter

  • Gedeihstörung
  • Motorische Unruhe
  • Apathie
  • "Schreikind"
  • Nahrungsverweigerung, Erbrechen, Verdauungsprobleme
  • Psychomotorische Retardation

Kleinkindalter

  • (Sekundäre) Enuresis
  • (Sekundäre) Enkopresis
  • Daumenlutschen
  • Trichotillomanie
  • Nägelbeißen
  • Spielstörung
  • Freudlosigkeit
  • Furchtsamkeit
  • Passivität, Zurückgezogen-sein
  • Aggressivität, Autoaggressionen
  • Distanzschwäche
  • Sprachstörung
  • Motorische Störungen und Jaktationen

Schulalter

  • Kontaktstörungen
  • Schulverweigerung, Abnahme der Schulleistungen, Konzentrationsstörungen
  • Mangel an Ausdauer, Initiativverlust
  • Hyperaktivität, "Störenfried"-Verhalten
  • Ängstlichkeit, Schüchternheit, Misstrauen
  • Suizidgedanken, Versagensängste
  • Narzisstische Größenphantasien, Tagträumereien

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Link zur Website des Niedersächsischen Ministeriums für Soziales, Gesundheit und Gleichstellung
Familien in Niedersachsen